Popel- momente II

Geschrieben von CMP am . Veröffentlicht in Kultur

 

„Der Popel, der an der Nase unseres Miteinanders klebt.“ – Tief führte uns die Kolumne der vergangenen Woche in diese Problematik ein. Quintessenz: Wir alle sind fehlbar und das ist gut so. Fein gemacht. Leider sieht es in der Realität oft anders aus. Da sind zumeist nur die Anderen fehlbar. Es klebt eben auch ein Popel an der Nase unseres Gegeneinanders. Ein Problem?

Für Hippies vielleicht, aber ansonsten super, weil es auf so eine schräge Weise die eigene Identitätsbildung befördert. Zu sprechen sei von dem Fehler des Anderen als Bildner der Ich-Funktion. Oft wird verlangt, jemandem sein Spiegelbild vorzuführen, damit er sich selbst (womit immer seine Fehler gemeint sind) erkenne. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, Menschen könnten sich ändern, sobald sie erkennen, dass ihr Verhalten ein Ärgernis für ihre Umwelt darstellt. Zwar hat das bisher noch nie geklappt, weil das Selbstbild stets größer ist, als das Spiegelbild, dennoch halten die VertreterInnen dieser reflexiven Erkenntnistheorie an ihrem Ansatz fest, weil etwas Wahres dran ist, allerdings spiegelverkehrt. Ist das Selbstbewusstsein noch in der Entwicklungsphase darf natürlich gehofft werden. Zwischen dem sechsten und achtzehnten Lebensmonat ihres Kindes sollten sie einmal einen Spiegel im Kinderzimmer aufbauen. Hui, das Kleine jubelt. Das Kind, das seine körperliche Einheit als totale Form des Körpers noch nicht fühlen kann, erkennt sich plötzlich selbst im Spiegel und begrüßt sein Selbst mit einer jubilatorischen Geste. Das von Jacques Lacan beschriebene Spiegelstadium birgt leider die Gefahr einer narzisstischen Entwicklung. Denn das Spiegel-Ich ist eine Täuschung, die zu einem narzisstischen Größen-Selbst mutieren kann. Das Kind verliebt sich in sein Ich und grenzt sich durch eine Art von Trägheit psychisch gegen die Erfahrung von Andersheit ab. Schon mal versucht, einem Narzissten sein Spiegelbild vorzuführen, um ihn zur Umkehr seines schändlichen Handelns zu bewegen? Es wird nicht nur nicht funktionieren, nein, es wird sogar seine sozial unverträgliche Haltung verstärken. Hat sich ein Selbstbewusstsein erst ausgeprägt, kann man die Sache mit dem Spiegel vergessen. - Warum ich das alles erzähle? Weil wir in einem narzisstischen Zeitalter leben. Was also tun? – Permanentes Differenzieren! Sprich: Du hast einen Popel an der Nase, ich aber nicht. So beginnt Identität. Mit der Aussage, dass wir alle mal einen Popel an der Nase haben, ist keinem geholfen, weil sie einfach falsch ist. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Manche Menschen essen ihre Popel. Sie befördern ihre Popel direkt AUS der Nase IN den Mund, die Popel gelangen somit niemals AN die Nase. So kommen wir der Wahrheit näher. In der Differenzierung des Popel-Komplexes gibt es also die nasenexternen Teilsysteme „AN (Nase)“ und „IN (Mund)“, die beide phänomenologisch ganz unterschiedlich auftreten und zudem unterschiedliche Grade des Ekels bei den BeobachterInnen hervorrufen. Was allerdings vollkommen egal ist, ja sogar egal sein muss, da all das Differenzieren vollkommen wertfrei zu sein hat, um künftige Kriege zu vermeiden. Womit wohl alles zu dem Popelkram gesagt worden ist.

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