Die weltweite Jam

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4-1-web-facebook-proton-endzeitfunkGuter Hip-Hop, grenzüberschreitend: Das End Of the Weak

 

Im Jahr 2000 haben einige Rapper in New York eine wöchentliche Plattform gegründet, um ihr Können vor Publikum zu beweisen. Aus der Hip-Hop-Reihe, die im Hinterzimmer eines Restaurants startet, wird ein Publikumsmagnet. Es entsteht die Idee eines überregionalen Rap-Wettbewerbs. Die Resonanz ist enorm, die USA längst zu klein für die Veranstaltung. Die Jam expandiert. Zwölf Jahre nach Gründung der End Of the Weak-Reihe (EOW) ist man nun in vier Kontinenten angekommen, überall auf der Welt sind EOW-Stützpunkte entstanden. Es gibt sie unter anderem in Spanien, Argentinien, Brasilien, Uganda – und auch in Deutschland. Einmal im Jahr treffen die Besten der Besten in New York zum World-Final aufeinander. Im August ist es wieder soweit.

“Das ‚End Of the Weak‘ ist ein internationales, aus New York stammendes Hip-Hop-Movement. Es organisiert auf der ganzen Welt Partys, Konzerte und andere Events, und im Zentrum steht die MC-Challenge“, sagt MC Furious. Der Berliner Rapper ist Teil des Organisiationsteams des EOW in Deutschland. Auf die Formulierung „Challenge“ legt man hier sehr viel Wert, schließlich will man sich von dem sonst in der Szene üblichen Eins-gegen-Eins-Gedisse Marke „8 Mile“ abgrenzen. „Es handelt sich hierbei nicht um ein gewöhnliches Battle, sondern um einen Wettkampf für MCs in fünf Disziplinen“, macht Furious klar.

Harte Vorgaben

Und die haben es in sich: Zunächst muss jedeR RapperIn einen selbstgeschriebenen Song auf einen eigenen Beat präsentieren. Das ist noch die einfachste Runde, da dies für die meisten aktiven KünstlerInnen Routine ist. Hierbei ist es egal, ob man ein Liebeslied oder einen „Battletrack“ bringt – hauptsache Jury und Publikum gefällt’s. MC Furious, Moderator und EOW-Vizeweltmeister, bringt es rappend auf den Punkt: „Du hast übelst die Fans? Die Jury erkennt nur die Technik, den Inhalt, die Bühnenpräsenz!“ In der zweiten Runde steigt der Schwierigkeitsgrad ein wenig an. In 60 Sekunden muss ein Acapella-Rap vorgetragen werden. Der Hintergedanke: Kein Fehler kann vom Beat kaschiert werden. Danach ist Schluss mit lustig. Die dritte Runde trennt endgültig die Spreu vom Weizen, hier zeigt sich, wer ein richtiger MC, also Master Of Ceremonies, ist, und wer bloß zum Studiorapper taugt. Beim „Grab the Bag“ geht es nämlich darum, aus einer undurchsichtigen Stofftasche fünf Gegenstände zu ziehen. Diese müssen dann spontan in einen Freestyle-Rap integriert werden – Texte vorschreiben oder anderweitig mogeln ist dabei unmöglich.
Bei Stufe vier der Challenge nimmt der DJ eine besondere Rolle ein. Beim „MC vs. DJ“ legt der DJ ein wildes Potpourri aus allen möglichen Stilrichtungen auf, etwa Schlager, Techno, Drum ‘n‘ Bass. Darauf muss gefreestyled werden, hier geht es um Flexibilität und Routine, wer hierbei einmal aus dem Takt kommt, hat es sehr schwer, wieder hineinzufinden. Zum Abschluss treten alle TeilnehmerInnen gemeinsam auf die Bühne, zur „Cypher“. Die RapperInnen freestylen der Reihe nach je vier Zeilen, und das über drei Runden.

Ruhrpott in New York

Der Sieger des vergangenen Jahres, der in diesem Jahr für Deutschland zum World-Final nach New York fliegen wird, kommt aus dem Ruhrpott. Der 26-jährige Archäologiestudent nennt sich Proton und hat seine Heimatstadt Bottrop bereits jetzt mächtig stolz gemacht. Zusammen mit den Champions anderer Länder, etwa Tschechien und England, tourte er bereits durch Spanien und Italien. „Es war einfach geil“, erinnert sich Proton. „Zusammen haben wir Songs aufgenommen, Auftritte gehabt und Videos produziert“. Dabei sind echte Freundschaften entstanden, Proton hat etwa mit dem EOW-Gewinner aus England, Tenchoo, bereits neue Projekte geplant. Der Kontakt zwischen den MCs aus aller Welt besteht bis heute. Nach New York wird Proton vom diesjährigen Champion aus Deutschland, der Anfang Juli gekürt wird, begleitet. Aus organisatorischen Gründen haben sich die VeranstalterInnen entschlossen, zwei deutsche MCs antreten zu lassen, da auch mehrere englischsprachige Künstler vertreten sein werden.

Mehr als nur Jam

Und so ist das EOW mehr als nur eine Jam-Reihe. Hier treffen sich Talente, die sonst wahrscheinlich niemals aufeinander getroffen wären. Klar gibt es bei den vielen verschiedenen Muttersprachen auch Verständigungsprobleme, doch mit etwas Englisch und zur Not mit Händen und Füßen kann sich auch der Tscheche mit dem Italiener austauschen.
Auf dem diesjährigen Deutschland-Finale im Juli auf dem Splash-Festival wird der Ruhrpott wieder vertreten sein. Roni 87 aus Witten ist Student an der Ruhr-Uni. „Der Vorentscheid war echt hart, mich hat vor allem das hohe Niveau der Teilnehmer überrrascht“, sagt der 25-Jährige. „Ich habe früher oft an Freestyle-Battles ohne großartige Vorauswahl der Rapper teilgenommen, darunter litt oft die Qualität der Veranstaltungen“. Hier aber gebe es klare Vorgaben und ein transparentes Punktesystem. Auf dem Splash-Festival wird er auf die besten Rapper der Bundesrepublik treffen. „Ich unterschätze niemanden“, sagt Roni 87. Und wenn es am Ende doch nicht reicht für den großen Sieg und die Qualifikation für New York? „Dann fahre ich eben auf eigene Kosten mit und verbuche es als Urlaub“, sagt er und lacht. Proton und Roni 87 kennen sich seit drei Jahren, zusammen mit DJ Dier bilden sie die Crew „Friendly Fire“.

Für ein Miteinander

Unterm Strich fördert EOW also das, was der Grundgedanke der Hip-Hop-Kultur ist. „Es geht darum, ein Miteinander zu finden, um das Gegeneinander, das der Kapitalismus tagtäglich produziert, zu überwinden“, meint Roni 87. Natürlich sei auch EOW ein Wettbewerb, am Ende des Tages gebe es aber kaum böses Blut wie auf herkömmlichen Rap-Battles. Dies könnte auch daran liegen, dass talentfreie „Fick-Deine-Mutter“-RapperInnen von den hohen Anforderungen abgeschreckt werden. Gerade in den Mainstream-Medien ist diese Schiene momentan unglaublich erfolgreich. Vielleicht kann EOW dazu beitragen, diesen Trend umzukehren und Rap mit Hirn neu zu etablieren. Es ist überfällig.

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