Das Drama um das Bochumer Konzerthaus geht weiter

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Das Haus der Misstöne

 

3-2-Foto-Platz-der-leeren-VersprechenOhne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Soviel zur Philosophie. Lokalpolitisch sieht das schon ganz anders aus. Selten wurde ein Kulturprojekt so kontrovers diskutiert wie das geplante Musikzentrum an der Viktoriastraße. Sind die Instandhaltungskosten der letzte Anker der KritikerInnen? Eine Chronik des laufenden Wahnsinns.

Die ursprüngliche Idee klang gut. Zum Kulturhauptstadtjahr 2010 sollte an der Viktoriastraße ein Symphoniehaus entstehen und damit als Kulturachse eine Tangente zwischen Jahrhunderthalle und Schauspielhaus beschreiben. Dass sich just zu diesem Zeitpunkt zwei Kreativviertel an den Achsenpunkten etablierten (Ehrenfeld, Rottstraße) machte die Sache noch runder. Doch das Beste war die Finanzierung: der Löwenanteil kam von der EU und dem Land, zudem waren schnell ein paar Großspender gefunden. Doch dann griff der sogenannte „Bochum-Faktor“.

Orchestrale Elitekultur?

Kein öffentliches Geld für „Elitenkultur“ – so könnte man den ersten Protest umreißen, der sich – vorerst noch im alternativen Milieu – Bahn brach. Dann kippte der Unmut in die bürgerlichen Foren. Dort wurde alsbald fleißig gegengerechnet. Was könnte man mit dem Geld wohl alles sonst machen? Diese Entwicklung erfuhr zwei wesentliche Beschleunigungen. Zum einen traf sie auf den gegenwärtigen öffentlichen Diskurs des Kulturpessimismus (vgl. Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr: Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland), zum anderen geriet die Spenden-Akquise ins Stocken und das Bauvorhaben schlingerte in undefinierbare Ferne. Doch der vorläufige Todesstoß kam schließlich aus Arnsberg. Angesichts leerer städtischer Kassen und eines Nothaushaltes legte der Arnsberger Regierungspräsident Helmut Diegel (CDU) sein Veto ein. Danach hätte das Thema eigentlich durch sein müssen. Was Diegel jedoch unterschätzte, war, wie tricky man im Bochumer Rathaus sein kann, wenn man sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

Von der Symphonie zum Konzerthaus

Nach einer kurzen Trauerphase, verkündete die Stadt: die Symphonie wird doch gebaut, allerdings in abgespeckter Form als „Musikhaus“. Ein Zentrum für alle und keine elitäre Symphonie. Generalmusikdirektor Steven Sloanes sichtliche Freude wollte wochenlang nicht abreißen. Doch wieder waren Monate vergangen. Monate, die die Republik verändert hatten. Ein neues politisches Phänomen war auf der Bühne erschienen: die Piratenpartei. In Bochum lange marginalisiert, wollte man sich nun in die populistische Bresche werfen und ein Bürgerbegehren gegen das Konzerthaus initiieren. Jetzt ging es wieder hin und her. Die Stunde der Profilneurotiker hatte erneut geschlagen, wie zahlreiche Forenbeiträge beweisen. Die Rechtsauffassung der Stadt widersprach dem angestrebten Bürgerbegehren, da es sich gegen den Grundsatzbeschluss zum Bau des Musikzentrums vom 9. März 2011 richten würde.

Sternstunden der

Profilneurotiker

Dann zündete Markus van den Hövel, Vorsitzender Richter am Landgericht Bochum sein Tischfeuerwerk: „§ 26“ – will sagen: geht doch, erklärte er (ungefragt) der Lokalpresse. Über die Jura-Posse zwischen „kassatorischen“ und „initiierten“ Bürgerbegehen konnte man aber nur kurzweilig schmunzeln, da zwischenzeitlich die Piraten ihren Plan zurückgezogen hatten. Etwa alle Piraten? Nein, einer kämpft noch weiter. Alleine gegen die Partei, sozusagen: Dr. Volker Steude, Diplom-Ökonom. Der Chief Information Officer der Unterschriftenteams in der Innenstadt. Sein stichhaltigstes Argument: die unübersehbaren Instandhaltungskosten des Musikzentrums, die neben den gebäudebezogenen Kosten in Höhe von 650.000 Euro hinzukämen. Kann Steude im Alleingang das Bauvorhaben noch stoppen? Schwer zu sagen, in Anbetracht der Lokalpetitesse scheint in Bochum alles möglich zu sein.
Doch größere Gefahr droht von ganz anderer Seite. Bereits Ende Mai müssen 14,3 Millionen Euro nachgewiesen werden, damit Planung und Bau des Musikzentrums vorangetrieben werden können. Noch immer fehlen schlappe 2,7 Mio. Euro Stiftungsgelder. Aber Stiftungs-Geschäftsführerin Dr. Britta Freis gibt sich optimistisch. Besonders im Sektor Stuhlpatenschaften hätte man große Fortschritte erzielt, 140 Stühle seien schon verkauft. Mühsam nachzurechnen, wie viele Stühle bei einem Stückpreis von 4000 Euro noch verkauft werden müssten. Nur so viel: Es bleibt spannend.     
Für alle, die ihre Vorstellung von einem Musikzentrum nähren wollen, ist am 24. Juni von 11 bis 18 Uhr als Info-Aktion ein Bürger-Brunch geplant. Auf dem Park- und zukünftigen Bauplatz an der Viktoriastraße treffen die BesucherInnen auf die Bochumer Symphoniker, die MusikschülerInnen, Chöre und andere Kreative. Hingehen kostet nichts.