Ausstellung: „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“

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Die Arbeitssklaven der Nazizeit

„Wissen Sie, für uns Deutsche zählt das Leben eines Franzosen gar nichts“, lässt die große, uniformierte Frau von der Gestapo den jungen Franzosen Jacques Leperc wissen, als diesem im Oktober des Jahres 1943 in der Münchner Gestapo-Zentrale vorgeworfen wird, englischen Rundfunk gehört zu haben. Knapp ein Jahr zuvor ist Leperc mit einer Gruppe Landsleute von deutschen Soldaten nach Bayern gebracht worden, um dort unter menschenverachtenden Bedingungen in den Luftfahrtbetrieben der BMW AG zu arbeiten. Bis zu dem Zeitpunkt des Verhörs sei er zwar nur schikaniert, nicht jedoch geschlagen worden, erzählt Leperc in seinem Zeitzeugenbericht. Das Schlimmste habe ihm und seinen Zwangsarbeiter-Kollegen da aber noch bevorgestanden.

 

Jacques Leperc ist einer von zehn ZeitzeugInnen, die in der Wanderausstellung „Zwangsarbeit“ zu Wort kommen. Vom 18. März bis zum bis zum 30. September 2012 ist diese im Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund zu sehen. In fünf chronologisch angeordneten Abschnitten wird dort die Geschichte der Zwangsarbeit als ein bisher unzureichend aufgearbeiteter Teil der NS-Geschichte dargestellt und verortet. Anders als frühere Ausstellungen zum Thema, welche überwiegend Ausschnittcharakter besaßen und sich etwa mit der Rolle der ZwangsarbeiterInnen in einzelnen Unternehmen auseinandergesetzt haben, versucht diese Ausstellung, eine „Gesamtgeschichte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit sowohl im Deutschen Reich wie in den deutsch besetzten und kontrollierten Gebieten“ zu liefern, wie es im Ausstellungskatalog heißt.

 

Isgesamt mussten rund 20 Millionen Menschen aus beinahe allen Ländern Europas für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten. Und obgleich Nicht-Deutsche zunächst nicht für den Einsatz in den Fabriken des Deutschen Reiches eingesetzt werden sollten, wurde deren Arbeit ab 1941 zu einer entscheidenden Vorraussetzung für die deutsche Kriegsführung. Vor allem die Vorgänge an der sowjetischen Front und die sich immer weiter ausbreitenden Kriegshandlungen im Osten führten zu einem Mangel an Arbeitskräften im Deutschen Reich, da der Großteil der Männer in der Wehrmacht dienen musste. Den daraus hervorgehenden Forderungen der heimischen Industrie nach einem Ausgleich der durch den Kriegseinsatz fehlenden Arbeitskräfte wurde schließlich nachgegeben. Millionen Menschen wurden zur Arbeit zwangsrekrutiert. Spätestens seit 1942 gehörten die ZwangsarbeiterInnen zum deutschen Alltag. Sie arbeiteten in der Rüstungsindustrie, im Straßenbau, im Handwerk, in Bergwerken, in öffentlichen Einrichtungen, in der Landwirtschaft und in Privathaushalten.

Zwangsarbeit war allgegenwärtig

„Jeder zweite Land- und jeder dritte Zechenarbeiter war zu dieser Zeit Zwangsarbeiter“, erklärt Rikola-Gunnar Lüttgenau, einer der Kuratoren der Ausstellung. Man muss also davon ausgehen, dass jedeR Deutsche ZwangsarbeiterInnen begegnet ist. „Der Zwangsarbeitereinsatz war allen bekannt, jeder wusste davon“, so Lüttgenau. Und so fordern die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Ausstellung dazu auf, die Tatsache der Zwangsarbeit als „öffentliches Verbrechen“ zu begreifen, welches es in all seinen Voraussetzungen, Entwicklungen und Ausprägungen darzustellen gilt, um das Ausmaß der rassistischen Ideologie, die den Umgang der Deutschen mit den ZwangsarbeiterInnen prägte, offenzulegen. Auf die Beziehungsgeschichte von Deutschen und ZwangsarbeiterInnen legen die Ausstellungsmacher daher besonderen Wert. „Jeder Deutsche, jede Deutsche musste sich entscheiden, wie sie, wie er Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern begegnete“, erklärt Lüttgenau. Man konnte sich einen Rest von Mitmenschlichkeit bewahren oder der rassistischen Ideologie aufsitzen, die zwischen Herrenmenschen und niederem Arbeitsvolk unterschied.

Letztlich starben im Reichsgebiet etwa 2,7 Millionen ZwangsarbeiterInnen an den Folgen der Arbeitsbedingungen oder schlicht an Mord, den größten Anteil machten dabei KZ-Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene aus.
Dass, anders als von der Gestapo-Dame eingangs zitiert, ein französisches Leben beispielsweise doch etwas mehr zählte als das von sowjetischen Kriegsgefangenen oder gar Juden, wird in den Erläuterungen der Ausstellung ebenfalls deutlich. So weist etwa Manfred Grieger in einem die Ausstellung begleitenden Essay darauf hin, „dass die Zwangsarbeit von Juden immer vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Mordprogramms zu sehen ist.“ In anderen Fällen „war das Massensterben von Zwangsarbeitern dagegen oft eher eine Folge situativer Bedingungen denn ideologisch-programmatischer Faktoren.“ Darüber hinaus seien die sowjetischen Kriegsgefangenen und die ZwangsarbeiterInnen aus dem Ostblock am schlechtesten behandelt worden. Wenngleich Jacques Leperc also Glück gehabt haben könnte, Franzose gewesen zu sein und das Arbeitslager überlebt zu haben – misshandelt wurde schließlich auch er, wie Millionen andere.