Gisbert zu Knyphausen entzaubert sich selbst

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Hurra! Hurra! – So bitte nicht

 

3-2-web-knyphausen-cmpZugegeben: Er ist ein ganz Großer. Der deutschsprachige Liedermacher Gisbert zu Knyphausen gilt vielen Fans als Erlöser aus der andauernden Misere des belanglosen Party-Liedermachertums. Leider hält seine Live-Performance mit der Erwartungshaltung des Publikums nicht mit.

Die Spannung hätte nicht größer sein können. Seit Tagen war das Konzert im Bahnhof Langendreer ausverkauft. In der Halle kein Durchkommen mehr. Dicht an dicht drängte sich ein junges Publikum Richtung Bühne. Glücklich, wer einen der begehrten Rangplätze ergattern konnte. Liedermacher laufen im Bahnhof immer gut. Unvergessen sind die Gigs von Tom Liwa und Götz Widmann. Aber wer hätte gedacht, dass ein deutschsprachiger Singer-Songwriter in diesen Tagen so einen Hype auslösen könnte? Und das, jenseits der abgegriffenen Zuordnungsmuster und Politparolen. Bereits sein Debüt hatte alles, was das urbane Songwriting ausmacht: die melancholische Aufmunterung und eine Einfachheit, die sich zuweilen in komplexen Strukturen verliert. Große Geschichten samt kleiner Geste dargereicht entlang subtiler Assoziationsketten von Sven Regener bis Westernhagen-Camp. Schnell chargierte er unter den KritikerInnen auf den ersten Rängen. Dass es dazu nicht die Hilfe der bösen Musikindustrie bedurfte, machte den jungen Mann umso sympathischer.

Schluss mit lustig

Ja, sie hatten auf einen wie Gisbert gewartet. Distelmeyer hatte den Major-Verrat begangen und Liwa war im Laufe der Jahre in sonderbar esoterische Sphären verrückt, der Rest war ausschließlich partyorientiert und schrieb über das Saufen und Ficken. Nicht, dass Knyphausen solche Themen meiden würde, aber wenn er über das Saufen singt (z.B. „so seltsam durch die Nacht“), dann auf eine so wunderschönen Weise, dass man weinen und nicht saufen möchte. Niemand braucht noch einen weiteren Protestsong gegen das Cannabis-Verbot. Und der expressive Libertär wirkt nach dem Niedergang des Spießertums so überflüssig wie der aufkommende Bionaden-Biedermeier. Knyphausen ist da anders. Unentschiedener, verzweifelter, ehrlich. Kein anderer versteht gegenwärtig so ausgezeichnet, die Spannungen der alltäglichen Widersprüche in Szene zu setzen wie er. Knyphausen hätte das Zeug dazu, eine ganze Generation zu inspirieren, wenn es denn so etwas wie Generationen noch geben würde.
So viel zu den Vorschusslorbeeren, um die Erwartungshaltung des Publikums an diesem Abend zu beleuchten. Was sich aus dieser Fallhöhe im Laufe des Abends entwickelte, kann nicht anders als mit dem Wort Katastrophe beschrieben werden.

Unspektakulär spektakulär

Das Drama begann schon mit dem Toursupport Steffen von Staring Girl. Denn der talentierte Musiker klang so sehr nach Knyphausen, dass einige BesucherInnen der Ansicht waren, Knyphausen selbst würde bereits auf der Bühne stehen und ein großes Repertoire unbekannter Lieder zum Besten geben. (So Affirmationsfallen sind natürlich absolut liebenswert, wenn auch bescheuert.) Ein bisschen mehr Kontrast im Support hätte der Dramaturgie gut getan, aber vielleicht ist das auch zu streng gedacht. Denn als Knyphausen samt Band die Bühne betrat, war die Begeisterung natürlich groß. Das Publikum war außer sich, und wie sympathisch wirkte es da, dass Knyphausen sich von all der Euphorie nicht anstecken ließ, sondern bescheiden und verlegen grüßte und so dezent wie möglich den ersten Song begann. Der Clou war klar: Einmal mehr wollte man auf unspektakuläre Weise spektakulär wirken. Leider geriet dadurch die Performance auf Schlingerkurs. Die meisten Gesangspassagen waren kraftlos und ungenau. Doch richtig schlimm wurde es, als Knyphausen versuchte dagegenzusteuern und nun die gefühlvollsten Zeilen herauspresste, als handele es sich um ein Deutschpunk-Konzert. Da half auch der Musik-ist-scheisse-Aufkleber an Knyphausens Gitarre nicht weiter. Neben mangelnder Mikrophondisziplin verschleppte die Band fast jeden Song. Eigentlich war sie erst zu den Zugaben eingespielt. Und so wohnte das Publikum einer mäßigen Kellerprobe bei, über die jedes weitere Wort zu viel wäre. Dennoch sah man wenig enttäuschte Gesichter. Man wollte den neuen Helden feiern, und man tat es, ganz egal, was dieser dazu beitrug. Klar, das geht ein paar Mal gut. Doch sollte das Niveau so unterirdisch bleiben, dürfte Knyphausen wohl bald Geschichte sein. Und das wäre wirklich schade. Man hatte sich gerade erst so schön liebgewonnen.