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3-2-Frauke-Finsterwalder-KrachtChristian Krachts neuer Roman „Imperium“ und die Kritik

„Imperium“, der neue Roman von Christian Kracht, sorgte schon vor dem offiziellen Verkaufsstart in zahlreichen Printmedien für Aufregung. Die LiteraturkritikerInnen ließen es sich nicht nehmen, ihren Phantasien freien Lauf zu lassen und die wunderbarsten Interpretationsthesen zu spinnen. Von Tim und Struppi über Tomas Mann bis hin zu Oscar Wilde wurde einiges an Vergleichen herangezogen. Die Meinungen zu „Imperium“ reichen dabei von Begeisterung bis Entsetzen. Letztlich entwickelte sich eine Debatte, die sich mehr mit dem Autor Kracht auseinandersetzt als mit dessen Roman. Und wie schon beim Fall Hegemann beschäftigt sich die Literaturkritik letzten Endes eher mit sich selbst als mit dem Gegenstand ihrer Betrachtung: dem Text. Um diesen soll es hier aber gehen.


Die Handlung des Romans ist die eines historischen Kolonialromans. Die Geschichte des Auswanderers August Engelhardt wird fiktional nacherzählt. Dieser machte sich realiter im Jahre 1902 zu den deutschen Kolonien im damaligen Deutsch-Neuguinea auf, um auf Kabakon, einem kleinen Eiland von weniger als hundert Hektar Größe, eine Kokosplantage zu betreiben. Der bekennende Vegetarier und Nudist huldigte der Kokosnuss als dem heiligsten aller Nahrungsmittel und begründete damit den sogenannten Kokovorismus. Ein anfänglicher Grund für die Faszination der Kokosnuss war ihre vielseitige Verwendungsmöglichkeit. Die Erzählfigur schwärmt: „Sie wuchs an höchster Stelle der Palme, der Sonne und dem lichten Herrgott zugewandt; sie schenkte uns Wasser, Milch, Kokosfett und nahrhaftes Fruchtfleisch; sie lieferte, einzigartig in der Natur, dem Menschen das Element Selen; aus ihren Fasern wob man Matten, Dächer und Seile; aus ihrem Stamm baute man Möbel und ganze Häuser; aus ihrem Kern produzierte man Öl, um die Dunkelheit zu vertreiben und die Haut zu salben; selbst die ausgehöhlte, leere Nußschale lieferte noch ein ausgezeichnetes Gefäß, aus dem man Schalen, Löffel, Krüge, ja sogar Knöpfe herstellen konnte; die Verbrennung der leeren Schale schließlich war nicht nur jener herkömmlichen Brennholzes bei weitem überlegen, sondern auch ein ausgezeichnetes Mittel, um Kraft ihres Rauches Mücken und Fliegen fernzuhalten, kurz, die Kokosnuß war vollkommen.“ Die Faszination für die Kokosnuss nahm im Laufe der Zeit sowohl beim historischen Engelhardt als auch bei der Romanfigur fanatische Züge an, alsbald vertrat er die These, eine ausschließlich auf der Kokosnuss basierende Ernährung mache den Mensch gottgleich und unsterblich. Zeitzeugen berichteten, die Theorien des Apothekergehilfen wurden während seines Aufenthalts auf der Insel immer abstruser, und die fiktionale Erzählung treibt die fanatische Geistesentwicklung seines Protagonisten in unerwartete Sphären, und das auch dadurch, dass ihre Figur länger lebt als das reale alter ego, welches bereits 1919 starb und nicht, wie im Roman, auch den zweiten Weltkrieg überlebte.
Der Roman funktioniert vor allem durch die auktoriale, allwissende, aber wohlweislich nicht alles erzählenden Erzähler-Konstruktion. Der Text arbeitet mit verschiedenen Erzählstilen. Diese changieren zwischen poetischem Realismus, Abenteuerroman und künstlichen, beinahe ästhetizistisch anmutenden Detailbeschreibungen. Trotzdem liest sich der Text durchweg als moderner Roman, schon durch den Sprachwitz und die teils inkohärente Haltung der Erzählerfigur. Diese ließe sich vielleicht als nihilistisch und zynisch beschreiben, was etwa in dem folgenden Zitat deutlich wird, als er einen Auftritt des als Witzfigur karikierten Hitlers andeutet, der wohl „[k]omödiantisch“ anzusehen wäre, „wenn da nicht unvorstellbare Grausamkeit folgen würde: Gebeine, Excreta, Rauch.“ Mehrmals bedient sich der Text rassistischer Begriffe, spricht von der „weißen Rasse“ und „Negermädchen“, von „Halbblütern“ und anderen typischen Kolonialbegriffen, ohne jedoch durch diese Begriffe, wie von einzelnen Kritikern kolportiert, rechtes Gedankengut zu verbreiten. Die Begriffe geben Aufschluss über die Abscheulichkeiten einer bestimmten Zeit, andererseits sind sie ebenfalls wieder Indiz für den Grad des Zynismus, mit dem die Erzählerfigur arbeitet und seine teils dekonstruierende Haltung preisgibt, indem er etwa an einer Stelle die „Schwarze Rasse“ als die überlegene nennt. Der Held, anfänglich angewidert von antisemitischem Gedankengut, wird letztendlich übrigens selbst zu einem überzeugten Antisemiten, was ein weiteres Argument für die früh im Roman ausgesprochene Parallele ist, die zwischen dem Protagonisten und Hitler gezogen wird, die beide an ihrer Ideologie zu Grunde gehen. Schon wieder wird Hitler übrigens auch hier als Vegetarier bezeichnet, obgleich er wohl zeitlebens zumindest Weißwürsten und Leberknödeln nicht abgeneigt war.
Die politische Dimension des Romans ist aber zu vielschichtig und interpretationsbedürftig, um sie  auf eine Ebene, etwa einen nihilistischen Zynismus, herunter zu brechen. Es gibt zahlreiche Anknüpfungspunkte, die es konsequent zu analysieren und zu interpretieren gilt. Fragt man dann doch nach dem Autor, ließe sich feststellen, dass es nicht die Aufgabe des Schriftstellers ist, einen eindeutigen, moralisch einwandfreien Roman zu schreiben. Ebensowenig wie es seine Aufgabe ist, den Text gegen seine Kritiker zu erklären und zu rechtfertigen. Dieser ist, sobald abgeschlossen, in erster Linie ein für sich stehendes, vom Autor loszulösendes Werk, welches im Rahmen einer eigenen, textimmanenten Auseindersetzung bewertet werden muss. Georg Diez hat daher in seinem Spiegel-Artikel „Die Methode Kracht“ eine Debatte ausgelöst, die in die falsche Richtung geht. Der Roman könnte vieles sein, etwa Blaupause für einen ideologischen Irrweg. Demokratiefeindlich, totalitär und antimodern ist der Roman aber nicht. Ob Christian Kracht dies ist, ist eine andere Frage. Antimodern ist in jedem Fall Georg Diez, denn bevor dieser noch einmal Literaturkritik übt, sollte er Roland Barthes Text „Tod des Autors“ lesen.