Schöne Bilder, keine Nazis

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3-2-web-kleinermann-by-Arno-DeclairDavid Bösch inszeniert „Kleiner Mann – was nun?“

Krisenzeit braucht Krisentheater. Das dachte sich bereits vor drei Jahren Regisseur Luk Perceval an den Münchener Kammerspielen, und genauso im vergangenen Jahr Barbara Bürk am Staatsschauspiel Dresden. Wie sie greift jetzt auch Bochums gefeierter Regie-Jungspund David Bösch nach einem der großen deutschen Krisenromane aus den 1930er Jahren und bringt Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ zurück auf die Bühne des Schauspielhauses.


Ein großes dunkles Brachengelände, im Hintergrund eine überdimensionale Kugel aus Sperrmüll, Schrott und altem Hausrat – das ist die von dem niederländischen Kostüm- und Bühnenbildner Thomas Rupert gebaute Welt, durch welche Falladas Romanfiguren gut zweieinhalb Stunden lang stolpern müssen. Allen voran der Buchhalter Johannes Pinneberg (Raiko Küster) und seine junge Partnerin Emma „Lämmchen“ Mörschel (Maja Beckmann). Die beiden versuchen, so etwas wie das kleine Glück der Zweierbeziehung mit Kind aufzubauen. Und das ist gar nicht so einfach, wenn um einen herum die Ökonomie zusammenbricht, Massenarbeitslosigkeit zum Normalfall wird, und Ängste vor weiterem sozialen Abstieg die Noch-Beschäftigten in einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf treiben.

Meine Krise, deine Krise

Was Hans Fallada in seinem neu-sachlichen Roman für das Jahr 1930 beschreibt, das passt wie die Faust aufs Auge in das Jahr 2012; dieser Eindruck soll sich wohl bei den BesucherInnen des Schauspielhauses einstellen. Regisseur David Bösch verlegt die Handlung zwar nicht aus der präfaschistischen Wirtschaftskrise in die Gegenwart. Aber er bereinigt sie von einigem zeitgeschichtlichen Ballast, der die Parallelisierung mit aktuellen Geschehnissen weit weniger gefällig ausfallen lassen würde. Nichts zu sehen ist zum Beispiel von den SA-Schlägern, die sich in der Originalfassung von Falladas Roman mit politischen Gegnern prügeln. Und als Hauptfigur Johannes Pinneberg seinen Verkäufer-Job in einem Berliner Kaufhaus verliert, liegt das bei Bösch alleine an erbarmungslos durchgesetzten Rationalisierungsmaßnahmen, und nicht wie bei Fallada auch daran, dass der „kleine Mann“ im Kampf um die verbleibenden Arbeitsplätze von einem übel gesinnten Kollegen bei der jüdischen Geschäftsführung als vermeintlicher Nationalsozialist angeschwärzt wird. Durch diese Striche wird bei Bösch aus der politischen Krise der frühen 1930er Jahre eine rein ökonomische, was die Handlung weiter auf eine hauptsächlich persönliche Ebene treibt.

Knallige Verzweiflung

Dort allerdings liefern Maja Beckmann und Raiko Küster ganz herzzerreißendes Theater. Unterstützt von einem stimmigen Soundtrack (Karsten Riedel) spielen sie sich in Verzweiflung, schreien, lieben sich, treten aber auch immer wieder an die Rampe und rezitieren ganze Sätze aus dem Roman, die wie Regieanweisungen wirken – und oh Wunder: Auch ein halbes Jahrhundert nach Brecht bleibt dieses Spiel mit den eigenen Rollen, das die Romanvorlage sichtbar werden lässt, keineswegs wirkungslos. Auch Henriette Thimig und Nicola Mastroberardino, die alle anderen Rollen geben, schaffen es immer wieder, knallige und spannungsgeladene Momente heraufzubeschwören. Und große Abgänge. Wenn Thimig als Mutter Mia etwa mitten in der Bühnenbrache auf einem großen weißen Flokati betrunken zusammenbricht, Mastroberardino sich als ihr Geliebter Jachmann anschließend einen Schnuller in den Mund steckt und den Teppich wie einen Umhang überwirft, dann sind das großartige, sorgfältig choreografierte Bilder. Und mehr noch: Im Spiel des von den beiden verkörperten Nebenpersonals schimmert dann doch durch, dass es sich bei dieser Krise irgendwie um mehr handeln muss, als nur um die Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg. Und wenn am Ende die Bühne mit Bewerbungsabsagen-Papiermüll bedeckt ist wie mit Schnee, und sich die beiden Hauptfiguren in einem Sessel abseits, ganz randständig ihrer Liebe versichern, dann hat man dem Regisseur schon längst die eine oder andere Länge verziehen. Wunderschöne und gleichsam bestürzende Bilder sind mitunter ja auch schon alleine einen Theaterbesuch wert.
Fazit: Den großen, wegweisenden Kommentar zur Weltwirtschaftskrise hat David Bösch nicht abgeliefert. Und auch zur Prekarisierung von Liebesverhältnissen in Zeiten des Krisenkapitalismus hatte etwa René Pollesch schon bedeutend mehr zu sagen. Macht aber nichts, denn eigentlich ist das, was hier mit nur vier DarstellerInnen auf die große Bühne gezaubert wird, in Wirklichkeit kleines Theater. Und als solches funktioniert es dann doch – als Erzählstück zum zugucken, nicht als kontroverser Beitrag zur Lage der Nation.

„Kleiner Mann – was nun?“
nach einem Roman von Hans Fallada
Regie: David Bösch
Schauspielhaus Bochum
Nächste Aufführungen:
12.01, 29.01., 08.02.