Ein Hauch von Klagenfurt

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Richtungsding IV im Mülheimer Ringlokschuppen

5041701839_94aaea00ab_b Auf der Bühne steht eine bequeme Ledercouch, eine beige Schirmlampe ziert das Lesepult. Das Gitarrenduo Club Silence sorgt mit sanften Coversongs zusätzlich für eine heimelige Wohnzimmeratmosphäre. Ein Hauch von Klagenfurt sollte durch die Hallen des Ringlokschuppens Mülheim wehen – und deswegen veranstaltete die Literaturzeitschrift Richtungsding zur Vorstellung ihrer vierten Ausgabe einen Literaturwettbewerb.

Bei der Lesung haben sich zehn ausgewählte LiteratInnen aus dem aktuellen Heft dem 70-köpfigen Publikum gestellt, das eine im Ruhrgebiet eher unbekannte Autorin auf den ersten Platz wählte: Die Bremer Stadtschreiberin Corinna Gerhards begeisterte das Publikum mit dem Text „Geschälte Tomaten“. Eine Kurzgeschichte, die nicht nur dem unschuldigen Gemüse zu Leibe rückt, sondern auch dem Zuhörer fast schneidend unangenehm unter die Haut geht.

Vier Stunden Lesemarathon

Fabian May, Student der Komparatistik an der RUB, eröffnete den Abend mit einer Geschichte über Nudelhaufen in der heimischen Spüle, der während eines Urlaubs zu einer neuen Spezies mutierte: Eine Evolution im Schnelldurchlauf. Wenn die links- und rechtsdrehenden Nudel-Helikale unter ihrem Anführer Malalatesta ihr Leben im Siff-Biotop gestalten, muss der Abwasch eben warten. Ein äußerst amüsanter Auftakt, der jedoch von seiner Grundidee sehr stark an das Zahnbiotop einer Lisa Simpson oder die Allmachtfantasien eines Bender aus Futurama erinnert. Der Gelsenkirchener Literat Sascha Ruczinski führt den Lesemarathon mit seinem Text „Eine Nacht im Magelan“ fort. Er vermag das Publikum mit seiner epischen Erzählung über einen Abend im Suff und voller enttäuschter Liebe  nicht zu überzeugen – Bukowski kann es besser. Das poetologisch ausgefeilte Highlight des Abends lässt aber nicht lange auf sich warten. Corinna Gerhards, eine hoch aufgeschossene Frau, die in all ihrer Bescheidenheit enormen Charme versprüht, setzt sich ans Lesepult. Jede einzelne Silbe ihres Textes intoniert sie mit einer nahezu perfekten Präzision. „Geschälte Tomaten“ ist ein unangenehmer Text. In der kurzen Episode sitzt eine Familie am Esstisch, die Zutaten werden vorbereitet. Zwischen den Zeilen lauert eine psychotisch dichte Stimmung. Der Text gewinnt auch durch die teilweise leicht schleppende Erzählstimme an unterschwelliger Bedrohlichkeit.

Danach nur Kauderwelsch

Es lag nicht an der abfallenden Qualität der Texte, dass nach der zweiten Pause die Hälfte des Publikums den Heimweg antrat. Das Sitzfleisch war ermattet, die Gehirnwindungen erschöpft – in den Ohren nur noch Kauderwelsch und Sprachbrei. Wie schade: Wurde doch eine äußerst breit gefächerte Auswahl an Texten auf die Bühne gebracht. Der Berliner Autor Ilija Matusko entführt die Zuhörer in seiner Kurzgeschichte „Ins Holz“ in die Erfahrungswelt eines Jungen, der mit seinem Vater einen Urlaub in einer Hütte verbringt. Neben den kindlichen Natureindrücken enthält der Text aber auch starke Reflexionen über das Leben und vor allem das Verhältnis des Jungen zu seinem Vater. Ein Text, der zwar erzählerisch leicht daher kommt, aber eine ungemeine Sogkraft entwickelt. Der bühnenerfahrene Autor und Poetry Slammer Ben Perdighe hatte die Lacher auf seiner Seite. Seine Erzählung über den zermürbenden Kleinkrieg von Nacktschnecken und  indischen Laufenten in seinem Gemüsegarten brachte müde Geister wieder zum Schmunzeln. Und auch der assoziativ schreibende Autor Benjamin Bäder konnte das Publikum mit seinem skurrilen und schrägen Humor gewinnen. In seinen absurden „Automatischen Geschichten“ ist ein Affe mal ein auf Freud machender Psychologe oder besserwisserischer Klempner. Der Geier sucht Frau und schier alle Figuren verfallen dem Wahnsinn.

Weniger ist mehr

Auch einem nach Literatur, und vor allem nach Gegenwartsliteratur, lechzendem Publikum ist leider nicht alles zuzumuten. Die Texte der zweiten Hälfte hatten gegenüber den ersten deutliche Nachteile. Manchmal ist weniger eben mehr – oder man sollte sich ein gänzlich anderes Konzept überlegen, um das Heft zu präsentieren. Aber auch in Klagenfurt macht es manchmal den Anschein, als haben die werten LiteraturkritikerInnen nicht genug Luft in der poetischen Lunge, um bis ins Ziel eine nachvollziehbare Kritik zu äußern.
Das Richtungsding schafft es mit seiner zum Konzept erklärten Konzeptlosigkeit eine abwechslungsreiche Literaturzeitschrift in den Druck zu geben. Und auch die AutorInnen müssen sich nicht hinter ihren Texten verstecken, auch im Lesewettbewerb konnten fast alle bestehen.