Die Revolution fängt in der Küche an

am . Veröffentlicht in Kultur

3-1_web„Der Kampf geht weiter“ – und der Comic zum skurrilen linken Alltag in die zweite Runde

Keine Ruhe im Kiez: Mit „Der Kampf geht weiter“ legt der Berliner Comic-Zeichner Andreas Michalke den zweiten Band von Bigbeatland vor und erzählt mit gewohnt wohlwollender Ironie Geschichten aus dem Zentrum einer oft wunderlichen Parallelwelt: der linken Wohngemeinschaft.

Seit 2002 erscheinen die Geschichten um die – zwischenzeitlich zum Wohnprojekt im besetzten Haus mutierte – WG von Fricka, Subkommandante Markus und Ini, Tini und Bini auf der Comic-Seite der linken Wochenzeitung Jungle World. Bei nicht wenigen Leserinnen und Lesern landet der zweite Blick in die Zeitung zielstrebig auf der Rückseite, auf den oberen Seitenrand. Der auch schon als „linke Lindenstraße“ bezeichnete Comicstrip, den Michalke extra für die Jungle World entwickelt hat, besitzt ein ähnlich hohes Abhängigkeitspotential wie das Fernsehpendant. Auch wenn das nicht immer alle zugeben wollen – die Schnittmenge zwischen den Konsumentinnen und Konsumenten der linken und der öffentlich-rechtlichen Serie ist wohl größer als manch wackere Politstreiterin und mancher Vollzeitaktivist zugeben möchte.

Keimzelle Wohngemeinschaft

Genau darin liegt der große Reiz: Bigbeatland greift auf stets wohlwollend-ironische Weise die Skurrilität des linken Szenealltags auf. Es überzeichnet, legt offen und macht durch sein Augenzwinkern das sagbar, was in der WG-Küche sofort ein Inqusitionsverfahren zu Folge hätte. Initiiert werden kann ein solches selbst durch die zauselig-schluffigsten Mitbewohnerinnen oder Mitbewohner einer der vielen Keimzellen des Kreuzberger Neurosenbiotops. Eines können linke Wohnkompagneros und –kompagneras nämlich super: anderen Vorwürfe machen. Besonders für Dinge, die sie eigentlich selbst gerne tun würden (und vielleicht sogar tun, es aber nicht zugeben) und am liebsten bei Leuten aus ihrem direkten Umfeld, die laufen nämlich nicht weg und messen dem Vorgeworfenen auch noch Relevanz bei. Der Grund für die trotzdem liebevolle Art, wie Michalke soziale Prozesse in der Subkultur und politische Debatten nachzeichnet, ist der Gleiche, der auch für seine Treffsicherheit und Detailkenntnis verantwortlich ist. Selbst in der Punkszene verwurzelt und seit 25 Jahren in der linken Subkultur unterwegs, kennt er die Debatten, Konfliktlinien und szenetypische Spleens, die man nicht kennen, geschweige denn nachvollziehen, kann, wenn man nicht selbst Teil der Szene ist.

Szenediagnostik

Die Charaktere sind dabei die weberschen Idealtypen, mit denen Michalke Szenediagnosik betreibt: Da ist Fricka, das etwas moppelige Alphamädchen, das in Berkeley Politik und Kampfsport studiert hat und – kaum eingezogen – zur WG-Chefin wird. Da ist Markus „Subkommandante“ Meier, 56 Jahre alt, der schon den 70ern beim KBW dabei war, 40 Jahre später noch verbissen wie erfolglos für die Revolution streitet und sein Studium immer noch nicht abgeschlossen hat. Da sind Ini, Tini und Bini, die drei kleinen Mitwohnerinnen mit Dradlocks, Basecap beziehungsweise Kurzhaarfrisur, die ab und zu wahlweise zum gnadenlosen WG-Tribunal oder zum klatsch- und tratschenden Kaffeekränzchen mutieren.

Kinderkriegen und Regierung stürzen

Inhaltlich erzählen die zwischen 2006 und 2010 gezeichneten Strips in „Der Kampf geht weiter“ die Geschichte der Protagonisten zwischen der mit dem Alter einsetzenden Verbürgerlichung und der bleibenden Verwurzelung in der Szene. Fricka hat ein Kind von Markus bekommen, die WG wird zunehmend eng, das Geld knapp. Der Ausbruch zur einigermaßen situierten und gänzlich unlinken Urlaubsbekanntschaft in die schwäbische Provinz scheitert an dessen Mixtur aus Borniertheit und Unverständnis für das, was subkulturellen Linken nun einmal wichtig ist. Zwischendurch muss die WG gegen gentrifizierungswütige Immobilienhaie verteidigt werden, die die Bewohnerinnen und Bewohner mit kaputten Heizungen und Schlägertrupps loswerden wollen. Ach ja, nebenbei gründet Sandra – die Poplinke, die was mit Medien macht – noch eine antideutsche Partei und gerät in die Mühlen pakistanischer Dschihadisten und deutscher Geheimdienste: viel los in Kreuzberg also.

Der Blick auf sich und die Anderen

Bigbeatland ist großartig. Für die Linken, um die es geht, ist es ein herrlicher Blick von Außen auf den eigenen Mikrokosmos mit seinen oft komischen Regeln, seinen Ambivalenzen und seinen – seien wir mal ehrlich – oft wunderlichen bis stupiden Diskussionen. Bigbeatland ist das Lachen linker Subkultur über sich selbst, vielleicht ein Stück Selbstreflexion, auf jeden Fall aber mit viel Liebe statt Bitterkeit.
Für alle Anderen ist es ein Blick durchs Schlüsselloch in eine Welt voll wundersamer Dinge und unverständlicher Codes – und vielleicht die Chance zu verstehen, was die komischen Vögel aus der WG nebenan da eigentlich den ganzen Tag machen.

Andreas Michalke: Bigbeatland. Der Kampf geht weiter. Reprodukt Verlag. 2010. 15 Euro.