Geschlechter in Bewegung

am . Veröffentlicht in Kultur

2-1-Alice_Schwarzer_wikimedia-frs-webAlice Schwarzer – über ihre Gastprofessur, die Proteste und Deutungshoheit

Acht von zehn Deutschen kennen sie: Alice Schwarzer, Feministin, Journalistin und Autorin. Unlängst trat sie die Mercator-Professur an der Universität Duisburg-Essen (UDE) an. Die Gründerin der Zeitschrift „Emma“ polarisiert, denn ihre Thesen rufen immer wieder heftige Reaktionen hervor. Jetzt warten Fans, KritkerInnen und Unentschlossene auf die zweite und letzte Vorlesung der Dame, die einst bei Michel Foucault studierte und im Januar über „Islam, Islamisierung und Integration“ sprechen wird.

Durch die Berufung für die Mercator-Professur wird Schwarzer nun in einem Atemzug mit Personen wie Richard von Weizsäcker, Ulrich Wickert, Hans-Dietrich Genscher und Peter Scholl-Latour genannt. Die Aufgeführten hatten ebenfalls die Ehre, als Mercator-Professoren zu dozieren. Nun tritt der vermeintliche Prototyp einer emanzipierten Frau, Alice Schwarzer, in ihre Fußstapfen. Allerdings denkt man bei ihrem Namen unweigerlich auch an die Werbung, die sie für die BILD gemacht hatte und an den Kachelmannprozess, über den sie derzeit für dieses Medium berichtet.

Proteste gegen Professur

Als bekannt wurde, dass Schwarzer die Professur übernehmen würde, befanden KritikerInnen, dass die Kriterien zur Verleihung hier missachtet wurden. Kritik kam nicht nur von Seiten des evangelischen Kirchenkreises Duisburg und dem Islamischen Studierendenverein (ISV), sondern auch von der Grünen Hochschulgruppe (GHG) der UDE und einer antirassistischen Organisation. Ob Alice Schwarzer Weltoffenheit mitbringt, darüber lässt sich streiten, aber dass sie das Potential besitzt, Diskussionen zu gesellschaftlichen und politischen Themen anzuregen, beweist nicht nur das Ausmaß der medialen Berichterstattung. Wir wissen dank Alice, was Feminismus ist, sind bemüht, uns zu emanzipieren und achten darauf, zu gendern. Brauchen wir denn die Schwarzer noch immer?

Vorlesung Vol. 2

Für Schwarzer ist der Fortschritt der Emanzipation keineswegs gesichert, sondern werde heute vor allem vom religiösen Fundamentalismus bedroht, angeführt vom islamischen, doch der christliche folge auf dem Fuße. Die zweite und letzte Vorlesung an der UDE wird Frau Schwarzer am 25. Januar 2011 zu genau diesem Thema halten. Sie selbst provozierte besonders heftige Reaktionen als sie im Jahre 1995 mit ihren tendenziösen Äußerungen zu Gewalt gegen Männer in die Schlagzeilen geriet. Sie begrüßte die Tat der US-Amerikanerin Lorena Bobbitt, die ihrem schlafenden Mann den Penis abgetrennt hatte. Vieles von dem, was sich die Feministin auf die Fahnen schreibt, kommt in Schwarzers Handlungen und Äußerungen manchmal zu kurz.

Schwarzer und das Kopftuch

Man wirft Schwarzer zum Beispiel vor, sie sehe im Kopftuch ein Symbol für Terrorismus. Dagegen wehrt sie sich und erklärt, ihr sei durchaus bewusst, dass Frauen aus den verschiedensten Gründen Kopftuch tragen. Zudem habe sie sich nie über den Islam geäußert, sondern lediglich auf eine politisierte Form des Islams und Islamismus Bezug genommen. Allerdings wirkt es wenig differenziert, wenn Schwarzer lediglich auf die Rolle des Kopftuchs als Träger von Repressionsstrategien verweist, um es in seiner Symbolfunktion auf Stigmatisierung zu reduzieren.

Gleichheitsfeminismus oder…

In den 70er Jahren war sie mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre befreundet und ist heute bekannt als Vertreterin des so genannten „Gleichheitsfeminismus“. Genau dieser Gleichheitsfeminismus ist vielen jedoch zu kurz gedacht. Gleichberechtigung erschöpfe sich nicht in Feminismus und Emanzipation der Frau, wenden etwa Gender-Studierende ein. Konzepte wie „Gender Mainstreaming“ sollen dazu beitragen, dass die Problematik nicht auf der Grundlage von binären Reduktionismen angegangen wird. Vielmehr ist man bemüht, eine offenere Art der Auseinandersetzung zu forcieren.

…Gender Mainstreaming?

Angestrebt wird dabei vor allem, dass möglichst viele der Betroffenen aktiv in einen Gestaltungsprozess einbezogen werden – Männer und Frauen gleichermaßen. Der Fokus soll auf eine menschliche statt nur auf eine geschlechtsspezifische Perspektive gelegt werden. Anstatt Männer pauschal als Verhinderer einer beruflichen Gleichstellung von Frauen zu begreifen, möchte man auf Diskrepanzen zwischen einer egalitären Einstellung und einem Verkennen der tatsächlich gegebenen Unterschiede hinweisen. Frauen sollen nicht als eine per se unterdrückte Gruppe, sondern als Partnerinnen in einem ungerechten Geschlechtervertrag gesehen werden, der unter Einbeziehung von Männern neu verhandelt werden müsse.

Der Begriff Emanzipation lässt sich vom lateinischen „emancipare“ herleiten und bedeutete ursprünglich, einen Sklaven in die Eigenständigkeit zu entlassen. Deswegen ist Schwarzers Herangehensweise genau dann problematisch, wenn sie die stellvertretende Deutungshoheit in der Diskussion, etwa für muslimische Frauen, beansprucht und damit in eine bevormundende Haltung ihnen gegenüber verfällt, anstatt sie mit einzubeziehen. Macht korrumpiert, sagte Schwarzer einst – Deutungsmacht auch.