Die neue CD von Boris Gott

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3-2_BORIS_GOTT_FotoEs ist nicht leicht, ein Fan zu sein

Das lange Warten hat sich gelohnt. Das dritte Studio-Album von Boris Gott „Es ist nicht leicht ein Mensch zu sein“ ist überraschend poppig geworden. Vorbei sind die Tage des Ü30-Folks und Lokalkolorits. Der Liedermacher aus der Dortmunder Nordstadt holt aus zum großen Wurf. Die bsz feiert mit.

Es ist bereits das dritte Album von Boris Gott, und es markiert einen mondänen Approach. Waren die Vorgänger „Bukowski-Land“ und „Nordstadt“ noch dem Ü30-Folk verpflichtet und erinnerten mit ihrem gebrochenen Charme oft an Götz Widmann, so werden nun neue Wege beschritten: fette Streichersätze, eingängige Synthie-Melodien und ausufernde Gitarrenflächen. Das Ergebnis kann sich hören lassen. Songs wie „Mutter“ oder „Niemandsland“ schreien quasi nach Hot Rotation. Man hört es dem Album nicht an, dass es quasi im Wohnzimmer eingespielt wurde. Wie immer hat der Liedermacher alles selbst gemacht: vom Texten und Komponieren, übers Arrangieren und Aufnehmen, bis hin zu Promotion, Booking und Distribution. Es dürfte schwierig werden, sich gegenüber dem gut geschmierten Räderwerk der Musikindustrie durchzusetzen, aber eines ist bereits nach dem erstmaligen Hören der neuen Songs ganz gewiss: dieses Album hat einen berechtigten Anspruch auf eine Chart-Platzierung. Es ist das Ergebnis einer Jahre andauernden Weiterentwicklung aus Flow, Fleiß und Impetus. Und auch die Texte kaprizieren sich nicht länger auf das Bukowski-Moment der Dortmunder Nordstadt, sondern greifen tief hinein in die urbanen Beziehungskisten, in die Höhen und Tiefen des Großstadtlebens sowie ihre Gleichzeitigkeiten. Zwischen Brunsbüttel und Barcelona schreit sich Boris das Herz heraus nach Liebe, um schließlich zu dem Ergebnis zu kommen: Ich bin ein Hippie, ich brauch Peace.  

This Is Nowhere

Es kommt nicht oft vor, dass ein Album durchgängig gelobt werden kann. Umso mehr sollte es zelebriert werden, wenn es, wie in diesem Falle, einmal möglich ist. Es ist ein großartiges Album geworden. Bereits der Öffner „Bahnhofs-Blues“ reißt die Hörer mit in die urbanen Boris-Gott-Welten, in denen das goethesche Wort vom Licht und vom Schatten gleich mehrfach aufs Tableau geworfen wird. Und auch die Singleauskopplung „Tanz auf dem Vulkan“ hat Hit-Charakter. Doch erst nach mehrmaligem Hören des Albums entfaltet sich sein ganzer Zauber.
Schließlich gewinnt der Song „Niemandsland“ das Rennen: Lebensbejahung, Glück und Zuversicht. – Das volle Boris-Gott-Wohlfühl-Paket. In diesem Song entfacht sich das große Talent des Liedermachers, Widersprüche zum Klingen zu bringen. Denn bei allem evozierten Euphemismus (Kinderchor, kitschige Synthie-Sinuskurven)  sind die Textzeilen durchaus nicht positiv belegt. Im Gegenteil wird am Zustand der Welt nichts beschönigt. „Jeder weiß es: this is nowhere“ – allein der Groove verrät bereits, dass am Ende alles gut wird. Nicht etwa wegen der Welt, sondern aus der eigenen Zuversicht heraus.

So wird das zitierte Niemandsland zum nicht markierten Projektionsort der großen Wünsche, zum „Wir-Revier“, denn allein machen sie dich ein, um es einmal in den Worten der großen Paten der deutschsprachigen Pop-Musik zu sagen. Hier wird mehr beschworen als das kleine private Glück. Denn in der Abgrenzung zur deprimierenden Gegenwart wird diese gleichsam immer wieder eingeholt. Auch die Welt muss sich verändern, wenn wir glücklich werden wollen. Diese Art von privater Global-Strategie ist schließlich dem Status des Liedermachers selbst angemessen. Boris Gott ist auf dem Sprung. Im Gitarrenkoffer: der Umbauplan zur Welt, die Liebe und die Zuversicht.

Pop As Pop Can Be

In „Niemandsland“ kulminieren die großen Erregungsfelder, die Boris in den letzten Jahren energetisch aufgeladen hat. Ein Song, der über sich selbst hinaus wächst. Dieser fürchterlich kitschige Synthie-Ausbruch nach dem Rumpelstilzchen-Zitat nivelliert den Kitsch als solchen, kraft seiner kompromisslos affirmativen Sendung. Deshalb funktioniert es. Es ist die Kompromisslosigkeit, die Unnachgiebigkeit der Güte, der verheißende Kinderchor die logische Konsequenz: Pop As Pop Can Be. Neben dem Beliebigkeitsbrei der vielen blasierten Arschlöcher am deutschsprachigen Pop-Himmel, die angetreten sind, den Lohnsklaven den Work-Out zu versüßen, hält man mit dem neuen Gott-Album endlich wieder einmal eine Liebeserklärung an ein Leben Marke Eigenbau in der Hand, das schön kernig ist, ohne dabei in die Westernhagen-Falle zu laufen. Ein großes Es-geht-auch-anders, also: kaufen, kaufen, kaufen.