Mad Max, aber immer noch Reclam

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2-2_Birgit_Hupfeld„Fräulein Julie“ – Strindberg-Premiere im Rottstr5-Theater

Was passiert, wenn ein alter frauenhassender Schwede, Foucault und eine Rasierklinge aufeinandertreffen? Kürzung in ihrer schönsten Form. Mit der Premiere von August Strindbergs „Fräulein Julie“ holt das Rottstr5-Theater Herrschafts- und Geschlechterdiskurse auf die Bühne.

 

Weil der Lieblingswein von Strindberg und Michel Foucault Bier ist, trafen sie sich zu einem Sit-In in der Rottstr5. Strindbergs Tragödie von 1888 ist sein meist gespieltes Stück. Aber noch nie hat es eine Inszenierung gegeben wie jene, die aktuell im Rottstr5-Theater zu sehen ist: In einer postatomaren Zeit nach der Bombe wurde das feudale System revitalisiert. Ein bisschen Mad Max, aber immer noch Reclam. Mittendrin findet sich die Darbietung einer großartigen Dagny Dewath, zwischen Dominanz und Geworfenheit und ein Andreas Bittl, der spielt als befände er sich in einem Rammstein-Video.
„Heut Abend ist das Fräulein Julie wieder verrückt.“ In der einen Beziehung ist die Adelige zu stolz, in der anderen zu wenig. „Wenn die Herrschaften sich unter das gemeine Volk mischen, werden sie gemein.“ Monsieur Jean, der Knecht des Fräuleins, hat eigentlich ein Verhältnis mit der Köchin des Hauses. Er hält sich für besser als sie und ist überzeugt, er würde ihr als Verlobter nicht schaden. Gleichsam erwacht das Interesse der Herrin des Hauses an Jean, ihrem Untergebenen. Noch gilt, wenn sie befiehlt, muss er gehorchen. Die Grenzen zwischen Ernst und Scherz werden jedoch zunehmend unklar. Er will rauf und sie will runter. Steigt sie hinab zu ihm oder fällt sie, als die beiden ein Verhältnis miteinander beginnen? Jean ahnt, was kommt: „Gefährlich ist es nicht, aber es wäre doch besser, es zu unterlassen.“

Kraft der Klassenunterschiede

Die Ebenen verschwimmen, ständig wechseln die Machtverhältnisse und plötzlich ist man mitten drin im Kampf um Herrschaft und Geschlechterverhältnisse. Die Figuren repräsentieren nicht den Diskurs, wie wir alle sind sie Teil des Diskurses. Fräulein Julie muss schon bald einsehen, dass sie nicht weiß, wie die Welt von unten aussieht. Jean und sie erahnen, aber unterschätzen die prägende Kraft der Klassenunterschiede. Plötzlich wird die Schwelle zur Demütigung Anlass für Erotik. In der Sexszene der beiden sind ihre Körper auf ihre Silhouetten reduziert. Gerade deswegen ist es vielleicht eine der wirkungsvollsten Szenen des Stücks.

Lassen wir das Unwetter kommen

Nun gibt es für beide keine Schranken mehr und doch müssen sie am Ende einsehen, dass es nicht reicht, auf Purple Haze zu schlafen, damit die Träume wahr werden. Denn von nun an heißt es Flucht, immer wieder Flucht – vor Todeszonen, in denen nichts mehr wächst. Sie kann nicht vor ihm fliehen, weswegen er fordert, sie solle stattdessen mit ihm fliehen. Schweizer Zone, Afrika, ewiger Sommer. Deswegen müssen sie sich beherrschen, klug sein, kalt sein – als wäre nichts geschehen. Nun ringen beide um Kontrolle, statt um Liebe. Sie will, dass er gut zu ihr ist. Er jedoch begreift nicht. Also lassen sie das Unwetter kommen.

Unerschlossenes Land

Am Ende holen sie dann auch noch den Ehrbegriff hervor. Sie fragt ihn, ob er wisse, was ein Mann einer Frau schuldet, die er entehrt hat. Er bedauert, dass das Gesetz nicht vorsieht, was mit einer Frau geschieht, die einen Mann verführt. Da waren sie wieder, die Geschlechterverhältnisse. Das Miteinander generiert sich orientierungslos. Im Wust aus Menschen, Geschlechtern, Hierarchien fällt es schwer, auf Augenhöhe unerschlossenes Land, ohne Gepäck aus der alten Welt zu betreten. Die Beteiligten hängen noch immer in und an den tradierten Herrschaftsverhältnissen und müssen einsehen: Ein Befehl klingt immer unfreundlich, auch wenn er auf den Wunsch eines anderen hin ausgesprochen wird.

Helfen oder befehlen

Schließlich beschwert sich die geschröpfte Köchin, sie wolle nicht länger in einem Haus wohnen, in dem man keinen Respekt mehr vor Herrschaft hat. Am Ende kommt Solidarität nicht einmal unter den beiden Frauen auf, als Julie vorschlägt, man könne zu dritt reisen. Nein, in diesen Verhältnissen verträgt man sich nicht. Naivität ist nicht schön, sondern gefährlich. Dann stellt Fräulein Julie die wichtige moralische Frage: „Was würden Sie an meiner Stelle tun? Als Adelige, als Weib, als Gefallene?“ Die angenommenen Unterschiede – nicht nur zwischen Mann und Frau – beginnen nun wegzubrechen. Letztlich geht es nur noch darum, ob man einander helfen oder einander befehlen möchte. Die nächste Vorstellung findet am 27. November, um 19.30 Uhr statt.