Showdown im Moseltal

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4-1-sw-Das-wichtigste-Stck-Bhnendeko-im-DrucklufthausZweiter Roman von Nagel: Abrechnung mit heilen Fassaden und schönem Dorfleben

Was kostet die Welt? – Ob der ewige Barkeeper Meise es am Ende von Nagels gleichnamigem Roman herausgefunden hat, bleibt ungewiss. Am Ende seiner Weltreise steht die Flucht ins beschauliche Moseltal vor sich selbst und seinem Leben in Berlin. Sie wird zur Abrechnung mit der Enge des Provinzbürgertums: Mit viel Wein, Wut und viel zu wenig Drogen – aber das Erbe ist am Ende durch.

Als ich die 300 Seiten im hippen Pappcoverband weglege, merke ich auf einmal, dass mir meine Hand höllisch wehtut. Es dauert ein paar Minuten, bis ich merke warum: Das hippe Pappcover lag beim Halten des Buchs die ganze Zeit auf derselben Stelle meiner Hand. Es lag Stunden da, ich habe das Buch in einem Zug gelesen. Krass: Ist mir noch nie passiert, zumindest nicht mit einem hippen Hardcover-Buch (selbst das Verlagslabel auf der Vorderseite wirft einem die Hipness ins Gesicht: „Heyne Hardcore“ – ein bisschen peinlich ist das schon, oder?). Um es gleich vorwegzunehmen: Ich kann keine Rezension über das Buch schreiben. Rezensieren sollen es meinetwegen irgendwelche Leute, die Literaturwissenschaft studiert haben und sich mit sowas auskennen – meinetwegen auch ein paar tolle Feuilletonisten mit riesengroßem Ego. Die müssten dafür nicht mal Literaturwissenschaft oder sonst irgendwas studiert haben, damit sie sich zu allem und jedem äußern. Manchmal kommt da ja was ganz Passendes bei rum, viel zu oft aber auch nur blöder Quatsch. Egal. Weil ich früher lieber Punkrock gehört habe, als mich durch die Klassiker der Weltliteratur zu kämpfen, lasse ich das jedenfalls besser. Ich will ohnehin lieber jubeln. Nagel ist mir vor allem als Sänger und Texter von Muff Potter ein Begriff.

 

Seit Muff Potter aufgehört haben „Angry Pop Music“ (will heißen: Emopunk mit deutschsprachigen Texten) zu machen und sich stattdessen aufgelöst haben, schreibt Nagel Bücher und spielt Bass bei den „Blood Robots“ (weniger Emo, mehr Punk und ohne deutschsprachige Texte und eigenübersetzt als „blöde Roboter“). Die ganzen Sachen, die ich an Muff Potter immer so geliebt habe, finde ich jetzt beim Lesen des Buchs in und zwischen den Zeilen wieder: Das Verzweifeln an sich selbst und der Welt, das Wiederbeleben von Wut und die schonungslos vorgeführten Zumutungen, die unspektakulär, aber deutlich im alltäglichen Stumpfsinn auf einen einkrachen – und das Festhalten an den dazwischen aufblinkenden schönen Momenten: „Deine Augen leuchten groß / sie leuchten schön so wie der Wahnsinn“. Danke für die Zeile, auch wenn sie nicht aus dem Buch, sondern aus einem Song ist.

Nieder mit der Provinz

„Einen Abend Wahnsinn gegen tausend Jahre Stumpfsinn“, denkt sich aber auch Protagonist Meise, als er aus der kleinen Oase des Friseursalons in Bernkastel heraustritt und sich wieder in der sonnigen Enge einer Altstadt im Moseltal, voller Touristen mit schneeweißen Haaren, wiederfindet. Beim Verlassen schwelgt er noch in Ausbruchsphantasien, dem großen Kopfkinofilm, in dem er mit Silvie, der tollen Friseurin, dem Moseltal den Garaus macht. „Was hältst du davon, wenn wir uns drüben bei Jagd- und Sportwaffen Jung ein paar Schrotflinten besorgen und anschließend einen Wagen klauen? Dann können wir wild ballernd durch die Gegend fahren […]. Wenn du magst, überfahren wir ein paar Omis. Jagen die geizigen alten Schachteln durch die Straßen dieser todgeweihten Altstadt […]“. Meise denkt das nur, sagt es aber natürlich nicht.

Ist wohl auch besser. Das sind solche Gedanken, für die man heute als pubertierende/r Jugendliche/r eine Polizeirazzia im Kinderzimmer und ein Ticket in die Psychiatrie bekommt, wenn man sie laut ausspricht. Amok-Alarm, weil irgendwelche „besorgten Mitschüler“ zuerst bei den Lehrern und die dann bei der Polizei gepetzt haben. Die sind zwar in der Regel schlau genug, die Gewaltphantasie auf sich  zu beziehen, aber zu bräsig, um den Unterschied zwischen gedanklicher Flucht aus Tristesse und Enge der Provinz sowie einem bevorstehenden Massaker zu begreifen.

Flo könnte auch gut so einer sein. Ein Jungwinzer aus dem Moseltal, bei dem Meise zu Gast ist und der statt zum Studieren in Köln zu bleiben lieber wieder zurück in die rheinland-pfälzische Pampa gegangen ist. „Uns gefällt es hier“, antwortet er Meise, nachdem der aus dem Festzelt auf dem Weinfest gekommen ist und das dort beobachtete Treiben kommentiert. Ich will nicht zu viel verraten, aber Leute, die selbst aus der Provinz kommen (und jetzt nicht mehr da wohnen), werden auch so eine gute Vorstellung von dem haben, was unser Held dort erblickt. Wegen so etwas ruft niemand die Polizei. Flo ist übrigens auch ganz hip: Mit Tunnel im Ohr, einer ganzen Woche Urlaub in New York und so.

Seelenkotze

Am Ende kracht und scheppert es nochmal, die komprimierte Masse von unbändiger Freundlichkeit („Und warum dreht er sich jetzt um und geht einfach weg statt mir eine zu zimmern?“), Geselligkeit und dem großen Nichts von Dörfern, Kaffs und ihrem sozialen Gefüge überschreitet schließlich die kritische Masse, es kracht, alles ist kaputt und Meise wacht voll Blut und Kotze auf einer Parkbank auf. Wenn ihr wissen wollt, was Asterix der Gallier mit all dem zu tun hat, müsst ihr das Buch aber selbst lesen. Von mir gibt‘s nur so viel: Es ist ein Fest für alle Provinzflüchtlinge, solche die es noch werden wollen und für alle anderen, die immer schon geahnt haben, dass unter der schönen heilen Fassade gutbürgerlichen Daseins eine ganze Menge Zwang, Dreck und unterdrückte Tränen lauern – und man sich das Ganze manchmal einfach aus der Seele kotzen muss.

Thorsten Nagelschmidt: Was kostet die Welt. Heyne. 2010. 16,99 Euro.