Godot auf Monkey Island

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3-2-Der-Sturm-Rechte-Schauspielhaus-BochumDavid Bösch inszeniert Shakespeares Sturm

Ausgerechnet Shakespeares letztes Stück „Der Sturm“ flankierte unlängst die Premierenoffensive der neuen Weber-Intendanz am Schauspielhaus Bochum. Ein Sturm sollte  sich entfachen und über die Königsallee hinwegfegen. Die Weltexperimentiermaschine setzte zunächst auf tabula rasa. Um dabei auf Nummer sicher zu gehen, musste das junge Regietalent David Bösch ran, einer der profiliertesten Shakespeare-Regisseure seiner Generation. Eigentlich ein todsicheres Ding. Leider wurde Shakespeare dergestalt zusammengestrichen, dass vom Sturm nur ein schwüles Lüftchen übrig blieb.

Die Eintönigkeit der Verbannung: Prospero, Herzog von Mailand, wurde zusammen mit seiner Tochter Miranda von seinem Bruder Alonso, dem König von Neapel, auf eine einsame Insel verbannt. Der Luftgeist Ariel und das Fisch-Ungeheuer Caliban, die beiden einzigen Lebewesen auf dieser Insel, werden von Prospero mithilfe magischer Kräfte unterjocht. Weiterhin passiert zunächst nichts; doch dann zieht ein Sturm auf, und die bleiernen Verhältnisse geraten ins Wanken.

Beckett im Affenkostüm

Die großzügig eingedampfte Bühnenfassung setzt auf Wiederholung. Die Eintönigkeit des Insellebens offenbart sich in einer endlosen Kreisbewegung. Konsequent wird sogar die Sprache zerstört. Shakespeare trifft auf Beckett. Warum eigentlich nicht? Doch leider wird die Langeweile nicht bis an ihre Grenze geführt, sondern immer wieder von Slapstick-Einlagen unterbrochen, als schulde man den AbonnentInnen einen letzten Rest an Entertainment. So geht viel von der Eigentümlichkeit verloren. Gleichwohl sind dies die großen Momente des Nicola Mastroberardino, der als Ariel mit einem unerschöpflichen Possenspiel immer wieder einen Lacher erzielen kann – besonders in den Passagen mit Affenmaske. Vielleicht sollte man sich Sisyphos doch als glücklichen Menschen vorstellen. Ganz anders dagegen das Ungeheuer Caliban, das Florian Lange in seiner ganzen Kaputtheit ausspielt – vielleicht die größte schauspielerische Leistung des Abends. Doch auch Xenia Snagowski kann als verhuschte Miranda überzeugen.

Das geniale Kaugummi

Bühnentechnisch wird aufgefahren, was das Stadttheater nur hergibt: Hebebühne, Wasser und Video. Gerade in der Reduziertheit ausgesprochen großzügig. Einziges Problem: Die Zeit zieht sich wie Kaugummi, was höchstwahrscheinlich gewollt und genial ist, doch ohne Steigerung an Flow einbüßt. Denn wenn der Sturm aufzieht, gewinnt die Handlung an Fahrt: Schiffbrüchige erscheinen auf der Insel, allesamt Prosperos Feinde. Der Herrscher der Insel sieht die Zeit seiner Rache gekommen, doch die neue Gruppenkonstellation hat eine gewisse Eigendynamik. Zwar verlieben sich Miranda und Ferdinand nur kraft seiner Magie inein­ander, doch ist es den beiden schließlich egal, warum sie sich lieben, und Prospero hat das Nachsehen. Hinter seinem Rücken schließen die Neuankömmlinge mit seinen Sklaven neue Bündnisse, die seine Macht zum Einsturz bringen könnten. Schon erhebt sich Caliban. Kurzum: das Tempo steigert sich. Aber gerade hier tritt Bösch weiterhin auf die Bremse. So dass selbst wahnsinnige Kampfszenen in der Teichanlage (mit Zitteraal) in ihrer Redundanz enervierend geraten.

Shakespeare Island

Nachdem die Dispositive in voller Länge ausgespielt wurden, wirkt die Auflösung nach der Pause wie eine Befreiung. Ja, der Mensch hat einen freien Willen und kann selbst entscheiden, ob er sich wie der Luftgeist Ariel in die Höhen emporschwingt oder sich in den Abgrund stürzt. Eine Frage der Entscheidungskraft, die heute noch so aktuell ist wie im Jahre 1611, als das Stück entstand. Und dass die Liebe stärker als jede Art von Voodoo ist, hatte jeder schon einmal geahnt. So musste letztendlich Shakespeare selbst übernehmen, um die Inszenierung zu retten. Ein Zauber war durchaus vorhanden. Auch wenn der große Sturm an der Königsallee weiterhin auf sich warten lässt. Aber auf Geduldsspiele ist das Publikum nunmehr eingestimmt.