Vier Frauen - vier Wege

Geschrieben von mh am . Veröffentlicht in Kultur

„Körpergeschichten“ wurde Sonntag und Montag im Essener Filmkunsttheater Glückauf gezeigt

2-1-koerpergeschichten_plakat_300bFilme über magere Frauen kennen wir, über Essstörungen und Diätwahn sind wir im Bilde. Aber was ist mit dicken Frauen? Nicht nur, dass sie vor allem in Filmen kaum präsent sind – die meisten der gezeigten Frauen scheinen eine identische magere Körperform zu haben. Auch fehlt es an Dokumentationen über Frauen, die nicht dem Schlankheitswahn verfallen sind und keinem willkürlich konstruierten „Idealbild“ ähneln.
Doch endlich mal: Regisseurin Katharina Gruber hat das Blatt gewendet. In ihrem 2011 entstandenen Film „Körpergeschichten – vier Frauen – vier Wege“, werden äußerst einfühlsam und liebevoll vier Frauen portraitiert, die über den Umgang mit ihren Pfunden sprechen, über Diäten und das eigene, subjektive Lebensgefühl. Denn zu jedem Körper gehört nicht nur eine Person, sondern auch eine Geschichte.

Die vier Protagonistinnen

„Ständig diese Sprüche von allen Seiten.“ Uschi stellt klar, was es bedeutet in unserer Gesellschaft dick zu sein. Sie schildert Anfeindungen und ihren Weg, sich dem entgegen zu stellen. Sie redet frei über die Probleme, die sie selbst mit ihrem Körper hat und wie schwierig es ist, sich selbst zu finden. Was bedeutet es abzunehmen? Es geht dabei nicht nur Gewicht verloren, sondern auch ein Teil der eigenen Persönlichkeit, eben ein Teil einer Person. Das bestätigt Martina, die 60 Kilo abgenommen hat und sich nun wie ein ganz anderer Mensch fühlt. Genau dieser Fakt hat Regisseurin Gruber dazu bewegt, den Film zu realisieren: „Martina ist eine Freundin von mir, ich habe sie eines Tages gesehen und dachte, daß irgendetwas anders an ihr sei, die Brille, die Kleidung, die Haarfarbe. Erst als sie mir sagte abgenommen zu haben, fiel mir das auf.“ Martina habe oft mit ihrem Körper kokettiert, sei schon immer eine selbstbewusste Frau gewesen, „doch als die Kilos weg waren, konnte sie sich nicht mehr so verhalten wie zuvor, das passte einfach nicht mehr“, erklärt die Filmemacherin. Und genau dieser Frage wollte sie weiter nachgehen: Was macht der Körper mit uns, und was machen wir mit ihm?
Wie schwierig es ist, nach einer Diät die eigene Figur einzuschätzen, erzählt auch Simone, die 20 Kilo abgenommen hat. Sie fragt ihren Partner immer wieder in der Öffentlichkeit ob sie dieser oder jeder Frau ähnlich sehe, da sie es selber noch nicht einschätzen könne.  Simone ist laut Body-Mass-Index (BMI) noch immer übergewichtig, aber das stört sie nicht. Denn sie fühlt sich wohl und nur das zählt. Darum ist es ihr auch egal, wieder ein paar Gramm zugelegt zu haben.
Die vierte im Bunde, Revka, trägt eine Kurzhaarfrisur. Vor Jahren hatte sie noch hüftlange Haare und mit jedem zehnten Kilo das sie an Gewicht verloren hat, hat sie sich zehn Zentimeter der Haare abgeschnitten. „Ich esse heute immer noch gerne, um mich zu belohnen“, erzählt sie, „aber ich kippe mir keine halbe Flasche Olivenöl mehr über mein Essen.“ Revkas Eltern sind Holocaust-Überlebende, denen es wichtig war, dass ihr Kind immer viel zu Essen hat, damit es nie hungern muss. Darum wurde die Tochter stets mit Essen versorgt – sie sollte gut genährt aussehen. Erst als ein Arzt der quirligen Frau sagte ihr Gewebe sei zu dick, als dass ein Ultraschall nicht mehr möglich sei, entschied sie sich dazu, eine Diät zu machen.

Viele Fragen – viele Antworten

Körpergeschichten geht viel mehr als den aufgezeigten Fragestellungen nach: Wie kam es dazu, dass die Frauen übergewichtig geworden sind? Welche Beziehungen haben sie zum Essen? Was bewog sie abzunehmen? Was bedeutet es sich wohl zu fühlen?
Die Geschichten der vier Frauen sind so unterschiedlich wie ihre Körper. Es gibt keinen Konsens, kein richtig oder falsch. Körpergeschichten portraitiert, gibt aufschlussreiche Einblicke ohne zu werten. Das macht den Film besonders. Körpergeschichten ist lustig und traurig, lebhaft und zart. Die Lebenswege  der Protagonistinnen bleiben nicht auf der Filmrolle, sie begleiten die KinobesucherInnen nach Hause.
Realisiert werden konnte der Non-profit-Film durch den Freiburger Verein „Lebenskünstlerinnen“ aus Freiburg. Nachdem Gruber bereits einen Film zu Frauen die an Krebs erkrankt sind fertig stellte und einen Film über das Abschiednehmen von Toten, ist Körpergeschichten ihr drittes Werk. Filme und Verein haben breites Interesse und viel Unterstützung vor allem von Frauen bundesweit erfahren – unter anderem auch durch ein Finanzierungsnetz.
In vielen Kinos ist Körpergeschichten auch die nächsten Monate noch zu sehen, dazu kann der Film auf DVD bestellt werden.


Mehr Informationen und aktuelle Termine unter: www.lebenskuenstlerinnen.de/vierkoerper/koerpergeschichten.htm

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