#824 - Abwesenheit glänzt

Geschrieben von jek am . Veröffentlicht in FSVK und Fachschaften

Pflicht zur Anwesenheit nur begrenzt zulässig

Seit 2006 protestieren deutsche Studierende im Bildungsstreik gegen die Anwesenheitspflicht. Die Studierenden kritisieren vor allem, dass die Regelstudienzeit nicht einzuhalten ist, wenn man etwa sein Studium durch Nebenjobs finanzieren muss. Für viele wird es dann zum Problem, wenn Vorlesungen verpflichtend besucht werden müssen. Erst recht wenn man in der Lage wäre, sich den Stoff in freier Zeiteinteilung selbst anzueignen. Oft ist die Anwesenheit Voraussetzung, um an Klausuren teilnehmen zu dürfen. Das Prorektorat der Universität Duisburg-Essen (UDE) hat deshalb die „Pflicht zur regelmäßigen Anwesenheit in Lehrveranstaltungen“ juristisch prüfen lassen. Bereits im Dezember 2009 teilte der Prorektor der UDE das Ergebnis der juristischen Prüfung mit. Der Senat beschloss die Befreiung von der Anwesenheitspflicht in Vorlesungen, die mit einer Prüfung enden.

Das juristische Prüfungsergebnis besagt, dass die geforderte Anwesenheit laut Hochschulgesetz und Hoschulrahmengesetz nur in begrenztem Umfang zulässig ist. Die Anwesenheit könne etwa nur bei Laborpraktika oder Exkursionen begründet werden, da hier eine aktive Beteiligung der Studierenden erforderlich sei. Darüber hinaus sei die Begründung, dass Teilnahmenachweise für die Lehrveranstaltungen ausgestellt werden, nicht zulässig, da dies der Systematik modularisierter Studiengänge widerspreche.

Bereits vor der Veröffentlichung der UDE ließ Uta Wilkens, Prorektorin für Lehre an der RUB, der Fachschaftsvertretendenkonferenz (FSVK) gegenüber verlauten, dass die Anwesenheitspflicht künftig auch nur noch für Exkursionen oder Laborpraktika gelten sollte. Die Leitung der RUB hat bisher aber nicht öffentlich Stellung zur Mitteilung der UDE genommen. Sogar die sächsische Landesregierung urteilt im Falle von Vorlesungen ähnlich wie die UDE, sieht aber keine bestehende Rechtsunsicherheit.

Und nun?

Erst jetzt erreichte die Mitteilung der UDE die Fachschaften der RUB. Frau Wilkens hat derweil die Fakultäten aufgefordert, ihre Dozierenden darum zu bitten, ihre Veranstaltungen und deren Inhalt aufzulisten. Diese Selbstverpflichtungen sollen in den nächsten Wochen zeigen, in welchen Lehrveranstaltungen die Anwesenheitspflicht nicht fortbestehen soll. Die Prorektorin bat auch die FSVK darum, ein Konzept zur Verbesserung der BA- und MA-Studiengänge zu erstellen, in dem die Anwesenheit Thema ist. Dieser Bitte sind die Fachschaften nun nachgekommen (s. Seite 2). In Zusammenarbeit mit der FSVK sollen die Ergebnisse der UDE jetzt in das Konzept der studentischen Arbeitsgruppen einbezogen werden.

Bislang hat keine Universität den gleichen Weg wie die UDE eingeschlagen. Somit wird auch die von der Politik erwartete ´Mobiltiätssteigerung` durch den Bologna-Prozess auf eine weitere harte Probe gestellt. Bisher haben nur wenige Fakultäten der RUB die Anwesenheitspflicht abgeschafft. In der Romanistik geht es sogar so weit, dass selbst ein Attest nicht weiterhilft. Einzig die Sektion Geschichte Japans reagierte auf die Proteste und schaffte im vergangenen Semester die Anwesenheitslisten ab. Das Englische Seminar erlaubt sich sogar einen eckigen Aprilscherz, indem es die Aufhebung der Anwesenheitspflicht für Lehrende bekanntgibt und feststellt, „dass Dozierende erwachsene Menschen sind und selbst entscheiden können, ob ihre persönliche Präsenz für den Studienerfolg nötig ist.“