Geisterbus

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Es war ein netter Partyabend – trotz der üblichen Nervereien mit der Security, die seit einigen Semestern übereifrig die Einhaltung des lästigen Rauchverbots im KulturCafé überwacht und an sämtlichen Ein- und Ausgängen penibel darauf achtet, dass keine Glasflaschen über die Türschwelle geschmuggelt werden. Für einen gelungenen Donnerstagabend sind die Fachschaftsfeten, die seit dem Partyverbot für die übrigen Unigebäude häufiger denn je im KuCaf stattfinden, meist eine sichere Nummer. Und zum Nachhausekommen gibt‘s zum Glück auch noch jenen Sonderbus, der an Partydonnerstagen in Kooperation zwischen AStA und Bogestra die U-Bahn-Lücke schließen soll, wenn die Stimmung kurz vor der letzten U35 mal wieder zu gut war, um sich rechtzeitig aufzumachen, dann aber doch zu mäßig, um bis zur ersten Bahn durchzufeiern.

Etwa 50 Leute scheinen die After-Hour auf den Bussteig unter dem Nordforum verlegt zu haben, wo um zehn vor drei der Partybus Richtung Haupthahnhof ablegen soll. Einer von ihnen ist Carlos, der lässig an einem der unterirdischen Betonpfeiler lehnt und an seinem Wegbier-Pappbecher nippt. Um 2 Uhr 49 beginnen die ersten Partymüden ungeduldig auf- und abzurennen oder zumindest manisch mit den Füßen zu wippen. Als die ersten schon anfangen, abwechselnd auf die Bogestra und den AStA zu schimpfen, zückt Carlos sein Designerhandy und tippt die Nummer der Service-Hotline ein, die auf dem Fahrplanaushang zu finden ist. „Tut uns leid – der Bus ist nicht im System verzeichnet“, lautet die lapidare Antwort der etwas mechanisch klingenden freundlichen Hotline-Frauenstimme. „Ihre nächste Fahrmöglichkeit Richtung Bochum Hauptbahnhof ist die U35 um 4 Uhr 44.“ Kaum hat Carlos die schicksalsschwere Botschaft verbreitet, springen auch schon die ersten Studis auf die Uni-Straße, um ein Taxi zu stoppen. Andere glauben, umgehend die Party-Fachschaft für das vermeintliche Desaster zur Verantwortung ziehen zu müssen und sprinten die Wendeltreppe zum KuCaf empor, um die Organisator_innen vom Fachschaftsrat zusammenzustauchen, die wohl vergessen haben, vorher bei der Bogestra anzurufen, um den Bus zu „bestellen“. Auch wenn am Fahrplan steht, dass die „nur in den Nächten von Donnerstag auf Freitag“ stattfindende Fahrt „während des Semesters und bis auf Widerruf durchgeführt“ werde – nicht mehr und nicht weniger; von einem notwendigen vorherigen „Anruf“ jedenfalls ist dort keine Rede. Während sich die schimpfenden Studis langsam in alle Winde zerstreuen, setzt sich Carlos ermattet auf eine freigewordene Bank, wo ihm wenig später das müde Kinn auf die Brust fällt, bevor er endgültig in traumlosen Schlaf versinkt.

Gegen halb vier ist der Platz beinahe verwaist. Doch wie aus dem Nichts rüttelt plötzlich eine fleischige Busfahrerpranke an Carlos‘ schmächtiger Schulter. Benommen blickt er auf eine rostige Blechwand auf Rädern, die nun wuchtig vor ihm aufragt. Wie durch einen unsichtbaren Watteschleier vernimmt er die Worte des Fahrers: „Tut mir leid – ich habe verschlafen. Wollen Sie mitfahren?“ Wortlos nickt Carlos und steigt ein. Erst als sich die Türen schon geschlossen haben, sieht Carlos in den spiegelnden Fenstern der umliegenden Gebäude, dass der Fahrer weder eine Liniennummer noch einen Zielort angeschlagen hat. Während sich der Bus langsam Richtung Ausfahrt in Bewegung setzt, dreht sich der Fahrer breit grinsend zu Carlos um. Die Vampirzähne in seinen Mundwinkeln können Carlos an diesem Morgen nur noch ein müdes Lächeln abringen.