Ich bin ein Klischee (und zwar gerne)

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4-2-439197_80220216Schon vor dem Klingeln meines Weckers stehe ich auf und springe unter die kalte Dusche; Wärme verbraucht immerhin unnötige Energie und schließlich ist es ja auch Sommer. Nach einem Vollkornmüsli mit Sojamilch schwinge ich mich auf mein Fahrrad und sprinte die zehn Kilometer zur Uni. Dabei überholen mich unzählige Autos, Familienkutschen ohne Familien, Geländewagen, ohne Gelände oder Pickups - ohne etwas auf der Ladefläche. Ein 10 m² großer Metallkäfig für meistens nur eine Person, es muss ja artgerecht zugehen. Ich hingegen muss aufpassen, dass mich keines dieser Monster überrollt.
An der Uni angekommen sitze ich als einziger (biologischer) Mann in einem Pädagogikseminar, trotzdem gibt es heute mal wieder nur Studenten, Schüler oder Lehrer. Ich melde mich und frage, warum niemand eine weibliche Sprachform nutzt. Die Antwort der Student*innen ist ein Raunen. Eine Student*in sagt noch „Sowas brauchen wir heute doch nicht mehr!“ Zumindest die Dozent*in versucht sich nun - bis zum Ende des Kurses - krampfhaft daran zu halten und schaut mich dabei häufiger gequält an. Warum bin ich nur die feministischste Person in einem Raum voller Frauen? Stimmt vielleicht etwas nicht mit mir oder haben sich alle anderen mit männlichen Herrschaftsstrukturen einfach nur abgefunden?
Während ich noch darüber nachdenke, warum Frauen Männer beim Sex (solange sie heterosexuellen Sex haben) häufiger mal schlagen oder auch mal penetrieren sollten, gehe ich zur Mensa. In der Schlange frage ich mich, ob es denn heute mal etwas Veganes zu essen gibt. Leider nein, also lande ich wieder an der Nudeltheke. „Wir haben keinen Schweinebraten mehr!“ höre ich im Hintergrund. „Schön, dass wenigstens das Schwein seine Bestimmung gefunden hat“, murmel ich genervt. Falls ich dann beim Essen die Tierleichenverwertung der anderen anspreche, schauen mich einige böse an, als ob ich ihnen ihre kleine heile Welt gerade kaputt gemacht habe. Selber schuld. Abends gehe ich dann ins KulturCafé auf eine Party, schon als ich reingehen will, fangen zwei Betrunkene an sich zu prügeln. Das fängt ja gut an. Die Hälfte der Menschen hier ist betrunken und einige auch schon aggressiv. „Warum nehmt Ihr alle kein LSD und lasst den Alkohol stehen?“ Davon wird wenigstens keiner aggressiv und ungefährlicher als dieses Zellgift ist es allemal. Aber gehört hat mich wahrscheinlich mal wieder niemand.
Warum bin ich nur so ein Klischee eines Gutmenschen? Und warum muss ich mich auch noch dafür rechtfertigen?  Aber das war schon immer so, in der Jugend musste ich erklären, warum ich keinen Alkohol trinke, später, warum ich kein Fleisch esse und manchmal sogar, warum ich kein Auto fahre oder warum ich keine anderen Drogen nehmen will.
Weil das Leben ohne all diese Dinge viel schöner und bewusster ist! Und vielleicht auch länger und glücklicher, außer es erwischt mich doch mal ein Geländewagen auf dem Fahrrad.