Willig, jung, dreckig

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Mit WWOOF ins Ausland

2-2-hanno-2Ein B.A.-Studium soll ja eigentlich vor allem eins sein: kurz. Trotzdem wird den Studierenden in den meisten Fakultäten ans Herz gelegt, einige Zeit im Ausland zu verbringen. In manchen Studiengängen ist der Auslandsaufenthalt sogar Pflicht. Wohin die Reise geht ist nicht so wichtig – hier ist Einfallsreichtum gefragt. Wer seinen Lebenslauf gerne mit einem klangvollen, aber  sicherlich unbezahlten Praktikum in einer internationalen Metropole würzen will, braucht allerdings das nötige Kleingeld. Ein Auslandssemester mit dem Erasmus-Programm ist weniger kostspielig, schlägt sich aber eher in den Leberwerten als im Curriculum Vitae nieder. Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes ist schön, aber selten. Eine günstige und interessante Alternative zu den ausgetrampelten Pfaden in die Fremde bietet die Organisation WWOOF.

Von der Gründung 1971 bis zum Jahr 2000 stand WWOOF für „Willing Workers on Organic Farms“. Im Tausch gegen ihre freiwillige Arbeitskraft erhalten WWOOFer von ihren Gastgeber_innen eine Unterkunft und  Lebensmittel. Ein Gehalt wird nicht gezahlt. Die Mitgliedschaft in einem nationalen WWOOF-Programm kostet durchschnittlich 50 Euro im Jahr. Für diesen Beitrag erhält man Zugang zu einer Liste aller teilnehmenden Arbeitsplätze im jeweiligen Land, samt einer Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. WWOOF entstand in England und ist heute ein loses Netzwerk aus beinahe 100 nationalen Organisationen. Die steigende Zahl der Mitglieds-Länder führte im Jahr 2000 zu einer Umbenennung. Um eventuelle Probleme mit Einwanderungs-Richtlinien zu umgehen, strich man das Wort „Workers“ und konstruierte das sperrige „Worldwide Opportunities on Organic Farms“. Geändert hat das nicht viel: Wer sich um ein Visum bemüht, sollte WWOOF verschweigen, um Problemen aus dem Weg zu gehen.

Erfahrungen

WWOOF ist eine nie versiegende Quelle für wertvolle Erfahrungen aller Art. Arbeit steht im Mittelpunkt: WWOOF ist kein Vergnügungsurlaub. Je nach Land und Gastgeber sind die Beschäftigungsmöglichkeiten überaus vielfältig. Ein WWOOFer aus Neuseeland berichtet, dass er in Wales in einen gigantischen Traktor gesetzt wurde, mit einer einzigen Anweisung: „Das Feld hier ist bis zum Abend fertig, OK?“ In Japan zupft er dagegen sieben Stunden am Tag Unkraut. Immer jedoch ist WWOOF eine einzigartige Gelegenheit, den Arbeits- und Freizeitalltag in einem fremden Land zu erleben und dabei eine Menge interessanter Menschen kennen zu lernen. Ein weiterer Pluspunkt: Fremdsprachen. In der chilenischen Provinz kommt man mit Englisch nicht weit – eine bessere Bedingung zum Spanisch-Lernen gibt es nicht. Gleiches gilt für die ländlichen Regionen in Japan, Lettland, Thailand... anders als in einem internationalen Wohnheim voller Erasmus-Studierender ist WWOOF ein erstklassiger Anreiz für den Fremdsprachenerwerb.

Freiheit

Als reisender Hilfsarbeiter braucht man nicht viel Geld. Auch ein mehrmonatiger Aufenthalt in einem teuren Industrieland ist mit WWOOF durchaus erschwinglich – für Kost und Logis ist gesorgt. Wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Reise sind Abenteuerlust und Anpassungsfähigkeit. WWOOF stellt lediglich die Kontaktliste zur Verfügung. Alles Weitere ist den Reisenden überlassen. Die Freiheit, die mit diesem Arrangement einhergeht, ist unbezahlbar: Wenn es mir irgendwo nicht gefällt, dann bin ich eben weg, per Zug, per Anhalter, zu Fuß, egal.
Mit etwas Verhandlungsgeschick geht WWOOF an der Ruhr-Uni als Praktikum durch – und zwar garantiert ohne Kopierer, Kaffeemaschine und Bürosmog.

Infos: wwoof.org
hannojentzsch.de/bloginjapan