#820 - Willkommen in der Kulturhauptstadt

Geschrieben von rvr am . Veröffentlicht in ErstiAusgabe

Versinkende Kirchen, gescheiterte Projekte

Wer in diesem Jahr zum Studium ins Ruhrgebiet zieht, dürfte wohl eines des öfteren zu hören bekommen: Ah, die Kulturhauptstadt. Mit großem Mediengetöse wurde das Großereignis Ruhr.2010 bereits im Januar eröffnet. In Bochum angekommen, dürfte sich bei vielen dagegen schnell das Gefühl einstellen, dass von dem groß angekündig­ten und immerhin insgesamt über 63 Millionen Euro teuren Glamour wenig zu sehen ist.

70 Seiten dick ist das schicke Bochumer Kulturhauptstadt-Programmheft. Ende Februar erschienen, wollten die Verantwortlichen damit der Kritik widersprechen, dass die Ruhr.2010 für Bochum schon jetzt ein gescheitertes Projekt sei. Schließlich werden das wegen der hohen Kosten umstrittene Konzerthaus und der neue Kammermusiksaal zumindest vorerst nicht gebaut, und auch für weitere im Rahmen der Kulturhauptstadt geplante städtebauliche Projekte fehlt der Stadt das Geld. Und so bleibt Bochum nichts anderes übrig, als sich mit jenen Veranstaltungen zu schmücken, die auch in den vergangenen Jahren ohne Ruhr.2010 stattgefunden haben: Der Bochumer Musiksommer, das Zeltfestival Ruhr, das große Innenstadtfestival Bochum Total – Ereignisse wie diese machen einen großen Teil des hiesigen Kulturhauptstadt-Programms aus. Hinzu treten einige wenige Großprojekte wie die Artistik-Show „Urbanatix“ an Pfingsten und die Veranstaltungen in der ehemaligen Kirche Christ König: Weil der katholischen Kirche die Gläubigen ausgehen, wird das Gotteshaus am Steinring profanisiert. Dabei wird das Bistum kräftig von jungen KünstlerInnen unterstützt, die den Innenraum mit bunten Wandmalereien in der Tradition des wilden Action Paintings umgestaltet haben. Im April wird der aus den Niederlanden stammende Künstler Nol Hennissen mehrere Tonnen Sand auf den Dachboden der Kirche verfrachten und dann Löcher in die Decke bohren. Unter dem Motto „Only the dust is eternal“ soll der Sand dann nach unten rieseln und dafür sorgen, dass die Kirchenbänke vor den Augen des Publikums langsam versinken.

 

Sicherlich sind einige Kulturhauptstadt-Veranstaltungen einen Besuch wert, und ein Blick in das Programmheft ist insbesondere auch Neu-BochumerInnen durchaus zu empfehlen – auch wenn sich unter dem neuen Label viel Altbewährtes sammelt. Besonders spannend dürfte jedoch sein, was sich im Laufe des Jahres abseits des offiziellen Ruhr.2010-Programms entwickelt. Denn auch die KritikerInnen haben sich organisiert. In Bochum trifft sich regelmäßig die Arbeitsgemeinschaft Kritische Kulturhauptstadt, die eine demokratische Basiskultur statt teuren Prestigeprojekten fordert. Die AktivistInnen haben angekündigt, selbst alternative Veranstaltungen zu organisieren, um dem widerspenstigen und subversiven Ruhrgebiet ein Forum zu bieten. In Dortmund wird für Anfang Mai eine EuroMayDay-Parade geplant. Seit 2001 rufen verschiedene Gruppen jährlich in verschiedenen Städten Europas zu der alternativ-politischen Straßenparty auf – quasi als Antwort darauf, dass sich große Teile der Bevölkerung durch die zunehmende Prekarisierung von Arbeit und Leben nicht mehr von den klassischen Erste-Mai-Demonstrationen der ArbeiterInnenbewegung angesprochen fühlen. Bereits 2004 beteiligten sich europaweit etwa 100.000 Menschen an den Techno-Umzügen. Wer das Ruhrgebiet 2010 also wirklich erleben will, sollte die Augen aufmachen und ruhig abseits des offiziellen Kulturhauptstadt-Programms suchen.

Das offizielle Bochumer Programm zur Kulturhauptstadt:

http://www.bochum-2010.de

AG Kritische Kulturhauptstadt:

http://k2010.blogsport.de/