#820 - Mitorganisieren, mitentscheiden!

Geschrieben von rvr am . Veröffentlicht in ErstiAusgabe

Wie demokratisch ist die Ruhr-Uni?

Über 30.000 Studierende, fast 5.000 MitarbeiterInnen, mehr als 400 ProfessorInnen – die Ruhr-Uni gleicht einer mittelgroßen Stadt. In einer Stadt können die BürgerInnen ihr Stadtoberhaupt allerdings in einer freien und gleichen Wahl bestimmen. An der Ruhr-Uni ist das komplizierter. Hier sind die Stimmen aller Uni-Angehörigen keineswegs gleich viel wert: Obwohl die Studierenden zahlenmäßig die mit Abstand größte Gruppe an der Uni sind, dürfen sie nur weniger als ein Sechstel der Mitglieder in den wichtigen Gremien bestimmen. Andererseits gibt es eine starke Studierendenvertretung und aktive Fachschaftsräte, die sich für die Interessen der Studierenden einsetzen. Hier gilt ausdrücklich: Mitmachen erwünscht!

Er steht an der Spitze der Ruhr-Uni und muss sich Mitte des Jahres einer erneuten Wahl stellen: Rektor Elmar Weiler. Ob er weiterhin der Chef der Ruhr-Uni bleiben darf, darüber entscheiden allerdings nicht die Angehörigen der RUB direkt, sondern die Mitglieder des Senats . Diese werden nach einem eigenwilligen Verfahren gewählt: So dürfen die nur rund 400 ProfessorInnen alleine darüber entscheiden, wer 13 der 25 Sitze besetzt. Damit haben die ProfessorInnen automatisch und per Gesetz die absolute Mehrheit. Wissenschaftliche MitarbeiterInnen, die MitarbeiterInnen aus Technik und Verwaltung sowie die Studierenden dürfen jeweils nur vier Mitglieder wählen. Die Studierendenvertretungen kritisieren seit Jahrzehnten, dass dieses System mehr einem mittelalterlichen Ständewahlrecht gleicht als tatsächlich demokratischen Strukturen. Bei einer gleichmäßigeren Stimmverteilung wäre etwa die Einführung von Studiengebühren im Jahr 2006 kaum möglich gewesen: Bei einer studentischen Urabstimmung hatten sich 90,7 Prozent dagegen ausgesprochen.

 

Trotz dieses offensichtlichen Demokratiedefizits ist die Arbeit der studentischen Senatsfraktion keineswegs überflüssig: Sie kann Anträge stellen und Stellungnahmen des Rektorats fordern. In den seltenen Fällen, in denen die ProfessorInnen zerstritten sind, können die Studierenden sogar das Zünglein an der Waage sein. Die Wahlen für die studentischen VertreterInnen im Senat finden einmal jährlich im Juni statt, zusammen mit den Wahlen zu den Fakultätsräten. Auch auf Fakultätsebene haben die ProfessorInnen von vornherein die absolute Mehrheit.

Politische Vertretung: Der AStA

Neben dem eingeschränkten Mitbestimmungsrecht in den Uni-Gremien gibt es für die Studierenden noch eine zweite Ebene, auf der sie aktiv werden können: Die studentische Selbstverwaltung. Ende Januar haben sich wieder knapp 500 Studentinnen und Studenten um die 35 Sitze im Studierendenparlament (SP) beworben. Die KandidatInnen sind dabei in sogenannten Listen oder Hochschulgruppen organisiert, die sich mit den Parteien auf anderen politischen Ebenen vergleichen lassen. Im Gegensatz zu den Gremienwahlen ist hier jede Stimme tatsächlich gleich viel wert. Ist das studentische Parlament gewählt, beginnen die Listen mit Koalitionsverhandlungen, um eine Mehrheit zur Wahl des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) zu bilden.

Bei den vergangenen Wahlen hat die bisherige Koalition aus der Grünen Hochschulgruppe und den parteiunabhängigen Gruppen Linke Liste, Alternative Liste und der Wohnheimliste Schöner Wohnen in Bochum ihre Mehrheit verteidigt, so dass sie auch dieses Jahr den AStA stellt. Der AStA ist die zentrale Studierendenvertretung. Er meldet sich politisch zu Wort, ist für das Semesterticket zuständig und organisiert ein umfangreiches Kultur- und Veranstaltungsprogramm. Außerdem beschäftigt er Rechts-, Sozial- und BaföG-BeraterInnen und unterhält das KulturCafé im Studierendenhaus sowie zwei Copy-Shops, in denen das Kopieren zum Teil günstiger ist als bei der kommerziellen Konkurrenz. Finanziert wird seine Arbeit durch einen Sozialbeitrag von 14 Euro pro Semester, den alle bei der Einschreibung oder Rückmeldung zahlen. Ein Teil des Geldes bleibt jedoch nicht beim AStA selbst und seinen Einrichtungen, sondern fließt an die Fachschaftsräte – jenen Teil der studentischen Selbstverwaltung, mit dem die meisten ErstsemesterInnen wohl zunächst in Kontakt kommen.

Direkt vor Ort: Die Fachschaftsräte

Die Fachschaftsräte sind die Studierendenvertretung auf Fachebene. Sie organisieren zumeist ein umfangreiches Begrüßungs- und Unterstützungsangebot für neue Studierende: Sie helfen bei der Erstellung des Stundenplans und der Studienorganisation. Häufig organisieren sie auch Erstifahrten und unterhalten ein Klausurenarchiv. Gegenüber Uni und Öffentlichkeit vertreten sie außerdem die Interessen der Studierenden ihres Fachs – zum Beispiel, wenn es um Studiengebühren, Gesetzesänderungen oder sonstige Reformen geht. Gewählt werden die Fachschaftsräte direkt auf Vollversammlungen, zu denen alle Studierenden eines Fachs eingeladen sind.