Hörsaalromantik

Gerade in der heutigen Zeit muss eine Uni Service bieten. Da sind sich alle einig. Da muss man kreativ werden, sich was einfallen lassen und aus der Masse der Nicht-Elite Unis hervorstechen, um aufzufallen. Man könnte Uni-T-Shirts drucken oder sich eine lateinische Unihymne mit dem flotten Namen "Hymnus in Almam Matrem Bochumensem" schreiben lassen, in der von Bergwerken und Prometheus die Rede ist. Oder aber man macht es wie die Leibniz-Uni. Man tut sich mit dem Standesamt Hannover zusammen und erklärt einen Hörsaal mit dem romantischen Namen B 305 zum Trauzimmer. Da haben eigentlich Mathematikstudierende und Bauings ihre Vorlesungen, also ist der gefühlsbetonte Rahmen schon geschaffen. 165 Gäste finden einen Sitzplatz und haben alle gute Sicht auf das Traugeschehen, denn die Stühle sind natürlich aufsteigend angeordnet. Na, wenn das nicht zu Verzückungen bei der gerührten Verwandtschaft führt.

Wer sich an der Uni kennen und lieben gelernt hat, der heiratet auch hier, so die Idee der Organisatoren. Eine romantische Reise in die eigene Vergangenheit für ehemalige Studierende, sozusagen. Und man kann die ganze Familie mitnehmen. Wer träumt da noch von einem Prinzessinenkleid mit Hochsteckfrisur und einer Kutschfahrt. Frau kann wieder Turnschuh und Bluejeans tragen und im Anschluss mit der versammelten Mischpoke in der Mensa essen. Das spart Geld und Planungsaufwand. Auch Hochzeitsfotos mit Blümchen oder ähnlichem Grünzeug sollen ja völlig out sein. Eine Tafel mit mathematischen Formeln kommt da viel cooler.

Da hält auch die Kapelle auf Schalke nicht mit. Dort kann man sogar ganz blau heiraten… Verzeihung, ganz in blau sollte hier natürlich stehen. Aber das scheint sowieso nicht so gut angekommen zu sein, denn die "aktuellen Termine", die die Homepage von Schalke 04 dafür vorschlägt, liegen beide Ende 2002. Das könnte auch an dem eklatanten Frauenmangel in so einem Fußballstadion liegen. Schade nur, dass Schalke kein Austragungsort der Frauenfußball-WM 2011 ist.

Für die Leibniz-Uni bleibt zu hoffen, dass sich auf ihrem Campus viele Pärchen finden, die dann später den Hörsaal zum heiraten nutzen wollen, damit sich der ganze Aufwand auch gelohnt hat. Man könnte fast sagen, die Uni betätigt sich als Kuppler der zweiten Instanz: Also, wenn Ihr Euch hier schon als Paar zusammentut, dann aber auch richtig, und mit Trauschein! In wilder Ehe leben gibt’s hier nicht! Ihr müsst noch nicht mal zum Standesamt: Heiraten geht jetzt auch im Hörsaal, flott in der Mittagspause. Und das Publikum ist auch schon da, denn das wartet auf den nächsten Dozenten, um mehr über die Höhere Mathematik zu lernen. Erst Reis werfen, und dann ausrechnen, in welchem Winkel er gefallen ist – das nenne ich mal Praxisbezug.