Jeder Kater hat seinen Preis

Geschrieben von CMP am . Veröffentlicht in ErstiAusgabe

Ein Kneipenrundgang durch Bochum

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Eine Samstagnacht in der City. Obwohl die typische Arbeiter-Eckkneipe in den letzten Jahrzehnten an Omnipräsenz einbüßte, ist Bochums Kneipenlandschaft immer noch groß und mächtig. Sei es das Bermuda3eck oder das Szeneviertel Ehrenfeld, neue Gastronomiekonzepte haben seit den 70er-Jahren dafür gesorgt, dass der Bierfluss an Bochums Tresen niemals zum Erliegen kam. Szenepapst Carsten Marc Pfeffer wagt den Saturday-Night-Check, immer auf den Suche nach dem neusten Hype, dem jüngsten Gerücht.
Die Qual der Wahl. Am Bochumer Hauptbahnhof angekommen stellt sich sogleich die Frage, welche Richtung dieser Abend nehmen sollte. Zwar locken aus der Ferne bereits die ersten Ausläufer des Bemuda3ecks, doch vielleicht will man sich vorerst jenseits des großen Trubels ein paar Gänge höher schrauben. Zum Anfrischen bietet das altehrwürdige „Oblomow“ am Ostring 36 (nahe Hbf) das richtige Flair: das Bier ist billig und die Musik ist laut. Der Schnaps wird gerne mal in Rialtogläsern serviert. Ein Paradies für junge Leute, die ein bisschen mehr vertragen können. Ungezählte Studentengenerationen wankten hier schon heraus, und machten sich auf den Weg ins Bermuda3eck, um sich dort den Rest zu geben.

Barcelona und Ballermann

Vom „Oblomow“ aus führt der Weg vom Südring in die Brüderstraße. Direkt am Eck hat vor einigen Monaten das „Badalona“ eröffnet. Schnell hat sich die trendige Tapas-Bar zum In-Treff entwickelt. Die kleine, doch exklusive Karte ist auf Katalanisch gehalten, und herzhafte Bocadillos gehen hier genauso selbstverständlich über die Ladentheke wie der prickelnde Cava, den das Gastroteam in den Richtungen Rosat, Selecte, Semi Sec, Brut und Brut Nature bereithält. Ein gehobenes Angebot für den verwöhnten Szenegänger, perfekter Style ganz ohne Schickimicki.   
Kaum einen Steinwurf entfernt liegt das „Zacher“, das Schmuckstück der Brüderstraße. Schon oft totgesagt gelang es den Betreibern in den letzten Jahren durch geschickte Personalrochaden führend in Sachen geballter Fußballsachverstand zu bleiben. Doch nicht nur von trinkfesten Sportsfreunden wird das „Zacher“ gerne frequentiert. Am Nachmittag ist es perfekt für einen Milchkaffee zwischen einem erfolgreichen Beutezug im angrenzenden Vintage-Shop „Jungle“ und dem nächsten Internetdate bei „best friends“, dem gegenüberliegenden Sushi-Haus für Connaisseurs und deren Freunde. Zu dem reichhaltigen Bierangebot (Augustiner, Tannenzäpfel, Grolsch etc.) wird im Zacher Sambuca ohne Bohnen getrunken. Ein Euro pro cl heißt die Devise. Wer hier lange nüchtern bleibt, ist es selbst schuld.

DJs, Tattoos, Currywurst

Mit gefühlten 2 Promille geht es nun vorbei an Shisha-Bars und Rock‘n‘Roll-Pommesbuden zum Engelbert-Brunnen, dem ehemaligen Treffpunkt der Freilufttrinker-Jugend. Zeit für eine Currywurst am vielzitierten Bratwursthäuschen sollte immer sein. Vis-à-vis mausert sich langsam das im letzten Jahr eröffnete „Kult 4630“, gleichwohl der direkt um die Ecke (in der Viktoriastraße) liegende Intershop der Nachtschwärmer-Magnet geblieben ist. Der Intershop ist seit den 80ern der Szenetreff. Egal ob Ralf Richter, Claude Oliver Rudolph oder Hennes Bender – hier haben sie alle gesoffen. An den Wochenenden tritt man sich dort gegenseitig auf die Füße, da die auserlesenen DJs regelmäßig die Touristenscharen aus dem Sauerland anlocken. Wer den Intershop wirklich kennen lernen will, dem sei ein Besuch unter der Woche angeraten. Ab 3 Uhr nachts zeigt dann der Ruhrgebietszauber seinen rauen Charme im warmen Neonlicht.
Zwischen Engelbert-Brunnen und Konrad-Adenauer-Platz (KAP) geht es bald vorbei an unzähligen Ballermann-Bars, die mit ihren All-You-Can-Eat-Angeboten und Großbildfernsehern für eine gehörige Portion Pro7-Tristesse sorgen. Am KAP angekommen ändert sich das Bild wieder. Hier bereitet das „Mandragora“, die Wurzel der Bermuda3ecks, das altgewohnte 80er-Studentenflair mit Baguettes, Crêpes und frisch Gezapftem. Direkt gegenüber liegt der „Freibeuter“. Wem der Sinn nach einem ehrlichen Astra-Bier und schwer tätowierten Frauen steht, der ist hier richtig. Die Musik ist alternativ und an den Wochenenden ist der Laden, trotz seiner großzügigen Außenstände, ziemlich überlaufen. Auch hier gilt der Tipp: Unter der Woche kommt man der Theke näher.            

Angrenzende Szeneviertel

Wem das alles zu viel Remmidemmi oder auch zu viel Kommerz ist, dem bietet sich neuerdings eine nicht weit entfernte Alternative. Kaum fünf Minuten Fußweg (Richtung Schauspielhaus) entfernt liegt das Ehrenfeld. Das neue Szeneviertel der kreativen Klasse schlängelt sich entlang der Alten Hattinger Straße. Zwischen Kunstgalerien und abgefahrenen Krimskrams-Läden haben sich dort trendige Kneipen etabliert, die ein Stückchen Prenzlauer Berg nach Bochum importiert haben. Stilprägend ist die „Goldkante“, gute Cocktails gibt es im „Freibad“ und die Tapas schmecken im „Orlando“ sowieso am besten. Das einst so verträumte Ehrenfeld hat in den vergangenen drei Jahren eine unglaubliche Wandlung vollzogen. Mittlerweile werden in der ansässigen U-Bahnstation regelmäßig Nachtflohmärkte organisiert, auch gerät der Hans-Ehrenberg-Platz immer mehr ins Visier der Partypeople. Wo donnerstags Markt ist, wird am Wochenende gerne mal aufgelegt und getanzt. In zwei Monaten eröffnet Feel-Vergnuegen-Mastermind Kevin Kuhn im ehemaligen „Haus Ehrenfeld“ eine DJ-Eisdiele, was die Transformation des Viertels beschleunigen dürfte.
Das kulturelle Angebot dieser Szene ist gewaltig und beschränkt sich nicht allein auf das Ehrenfeld. Um einen monatlichen Überblick zu gewährleisten, gibt Honke Rambow (Pressesprecher vom Rottstr5Theater) seit drei Monaten den Leporello „Bochum offline“ heraus. Das informative Faltblatt liegt in den meisten Kneipen kostenfrei aus.
Wer tiefer in die Bochumer Trinkkultur eintauchen will, dem sei ein Besuch in einer typischen Opa-Eckkneipe empfohlen. Sie sind zwar seltener geworden, doch es gibt sie noch. Vor allem in Stahlhausen (westlich der City) und der Speckschweiz (jenseits Bergbaumuseum) wird man fündig. Hier kosten Bier und Schnaps meist nicht mehr als 1,30 Euro und die Wirte haben noch so witzige Namen wie Helmut oder Heinz-Günther. Nur keine Angst, in einer Opa-Eckkneipe ist jeder willkommen, und niemand bleibt lange allein. Schnell gesellt sich einer der gestandenen Schluckspechte an die Theke und beginnt einen Exkurs über die guten alten Tage, als in Bochum „noch richtig“ gesoffen wurde, als der Branntwein noch Schaubau hieß, und Bier als bourgeois verpönt war. Und nach zahllosen Kurzen hat man den alten Bochumer Spruch dann verstanden: „Alles vergeht, nur der Durst bleibt bestehen.“

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