Kein Geld, aber feiern gehen

Geschrieben von mlg am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Arbeitskampf jenseits des Tarifvertrags: die zweite EuroMayDay in Dortmund
Kein Geld, aber feiern gehen
(mlg) Der erste Mai ist traditionell der Tag, an dem die organisierte Arbeiterschaft die Innenstädte erobert und für bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Löhne auf die Straße geht. Aber was, wenn die Arbeitsbedingungen immer noch schlecht, die Löhne nicht besser ,die Arbeiterschaft aber teilweise gar nicht mehr arbeitet und auch nicht mehr organsiert ist? Prekäre Beschäftigung trifft immer mehr – vor allem junge Menschen. Sie verunsichert und vereinzelt. Die Vereinzelten aber werden langsam laut. „Mayday! Mayday!“ tönt es von der Parade der Prekarisierten: Der EuroMayDay Ruhr.
Der erste Mai ist seit dem Haymarket Riot, bei dem 1886 Arbeiter in Chicago für die Einführung des Achtstundentags auf die Straße gingen und es bei Zusammenstößen mit der Polizei zu mehreren Toten kam, international zum Kampftag der Arbeiterbewegung geworden. So schlecht die Lage der Arbeiter damals auch war: Sie war zumindest übersichtlich und es war klar, wer wen ausbeutet. Die Auseinandersetzung zwischen Arbeit und Kapital ist seither eine der zentralen, wenn nicht gar die zentrale politische Konfliktlinie westlicher Industriegesellschaften. Gewerkschaften, Parteien und Verbände beider Seiten prägen mehr oder minder deutlich die politischen Systeme. Mehr als hundert Jahre später geht es Lohnabhängigen zwar materiell zweifellos besser, ausgebeutet wird aber immer noch, und: Es ist längst nicht mehr so klar, wie die Fronten verlaufen.
Weg vom Normalarbeitsverhältnis
Relativ gleiche Lebens- und Erwerbslagen sind im modernen Kapitalismus passé; die „Normalbiographie“ mit Schule, Ausbildung und Arbeit bis zur Rente wird zum Auslaufmodell. Ein anderes Merkmal prägt stattdessen die Realität von immer mehr Menschen: Prekarität. Befristete Arbeitsverhältnisse, Minijobs, Teilzeit, schlechte Bezahlung oder das Hangeln von Auftrag zur Auftrag machen das Leben unplanbar und schaffen Unsicherheit, Druck und die Frage, wovon man wohl in einem halben Jahr seine Miete bezahlen soll. Davon sind Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen in ganz unterschiedlichem Maße betroffen: Von der immigrierten Reinigungskraft mit unsicherem Aufenthaltsstatus bis zur promovierten Akademikerin, die Taxi fährt, wenn die Projektstelle mal wieder nicht verlängert wurde. Das Ganze läuft natürlich nicht konfliktfrei ab, durch die verschiedenen Lebenslagen können sich die Betroffenen aber nur schwer organisieren. Die Folge: der Protest bleibt oft stumm und auch Gewerkschaften tun sich schwer mit der neuen Situation.
Um den Prekären eine Stimme zu geben, finden seit einigen Jahren in ganz Europa am ersten Mai EuroMayDay-Paraden statt. Sie bewegen sich jenseits der überwiegend der traditionellen Arbeiterbewegung verpflichteten Mai-Demos der großen Gewerkschaften. Auf dem EuroMayDay sind es grade die vereinzelt und unsicher Beschäftigten (oder eben auch Nicht-Beschäftigten), die sich Gehör verschaffen. 2010 gab es den EuroMayDay erstmals im Ruhrgebiet. Knapp 1.000 Menschen zogen in bunten Aufzügen mit kreativen Aktionen zu elektronischen Beats durch Dortmund. Der Ansatz zielt dabei auf Mobilisierung. „Wir wollen die Leute motivieren, selbst etwas zu machen und keine Stellvertreterpolitik zu praktizieren“, fasst Andrea aus der Organisationsgruppe das Konzept zusammen. Deswegen gibt es auf der EuroMayDay auch keine großen Reden von der Bühne herab, sondern Interviews, in denen die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Dabei ist der EuroMayDay keine Veranstaltung von AkademikerInnen oder anderen Menschen, die mit viel kulturellem Kapital begütert sind und sich den Luxus des Protests leisten können. „Am EuroMayDay beteiligen sich ganz unterschiedliche Leute, von Migrantenorganisationen über informell Beschäftigte bis zu Menschen aus den kreativen Berufen ist alles dabei“, beschreibt Andrea das Spektrum. Mitmachen ist ausdrücklich erwünscht, die regelmäßig stattfindenden Vorbereitungstreffen sind öffentlich. „Kurz vor der Parade findet auf jeden Fall noch ein Treffen statt, auf dem wir gemeinsam Material für die Aktionen herstellen, hier kann jeder seine Ideen kreativ verpacken“, sagt Andrea.
Startpunkt für mehr
Auch ein Konzept wie beim EuroMayDay wird die Vereinzelung der Prekarisierten nicht knacken können. Zu unterschiedlich sind die Lebenslagen, zu unsicher die Situation der Einzelnen. Mit extrem niedrigem Einkommen oder unsicherem Aufenthaltsstatus ist auch das Protestieren schwierig. „Die Leute haben dann drängendere Probleme“ erklärt Andrea das Fernbleiben derjenigen, die eigentlich am meisten einen Grund hätten, laut zu sein. Dennoch: Der EuroMayDay soll keine einmalige Parade sein, sondern Keimzelle für mehr: „Bei der Vorbereitung haben sich viele Kontakte ergeben. Jetzt arbeiten Gruppen zusammen, die sich vorher kaum getroffen hätten“, so die Frau aus der Organisationsgruppe.
Startpunkt ist um 14 Uhr am Dortmunder Nordmarkt. Das nächste Vorbereitungstreffen findet am 22. April im Taranta Babu in Dortmund statt. Alle Termine und Infos gibt es unter euromayday.noblogs.org.

Tanz den Robot! Foto: mlgArbeitskampf jenseits des Tarifvertrags: der zweite EuroMayDay in Dortmund

Der erste Mai ist traditionell der Tag, an dem die organisierte Arbeiterschaft die Innenstädte erobert und für bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Löhne auf die Straße geht. Aber was, wenn die Arbeitsbedingungen immer noch schlecht, die Löhne nicht besser ,die Arbeiterschaft aber teilweise gar nicht mehr arbeitet und auch nicht mehr organsiert ist? Prekäre Beschäftigung trifft immer mehr – vor allem junge Menschen. Sie verunsichert und vereinzelt. Die Vereinzelten aber werden langsam laut. „Mayday! Mayday!“ tönt es von der Parade der Prekarisierten: Der EuroMayDay Ruhr.

Selbstheilung für 1,99 die Minute

Geschrieben von jek am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Bullshit-Alarm: Scharlatan Clemens Kuby am Mikrofon. Foto: Schorle (CC by-sa)Esoterik-Tage 2011 in Köln-Mülheim

Chakrenreinigung, Engelrückführung, Besprechen von Warzen, Matrix Trafo, energetisches Räuchern. Alles Methoden, die eines versprechen: Heilung. Während der Kölner Esoterik-Tage im März versammelten sich SchamanInnen, HeilerInnen, KartenlegerInnen und HandleserInnen in der Köln-Mülheimer Stadthalle und präsentierten ein Potpourri der esoterischen Heilkunst.

Die deutschen Medien und ihr ferner Osten

Geschrieben von haje am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Dreifache Katastrophe in Japan: Die unbestimmte Angst vor der Strahlung wirkt bis Bochum
Die deutschen Medien und ihr ferner Osten
(haje) Die Trümmer des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi sind in Deutschland zum Epizentrum der Berichterstattung über die dreifache Katastrophe in Japan geworden. Im Gegensatz zum Tsunami, der ganze Küstenstreifen verwüstet hat, sind die Folgen des Atomunfalls noch immer kaum abzusehen. Davon fühlen sich selbst Viele betroffen, die die Geschehnisse nur im Fernsehen mitverfolgen. An der Ruhr-Uni gibt es Menschen, für die die Zerstörungen im Nordosten Japans mehr sind als nur eine entfernte Katastrophe. Die bsz sprach mit ihnen über Medien und Stereotypen.
Die Bochumer Sektion für Geschichte Japans unterhält enge Kontakte in die Provinz Fukushima, die vom Beben und dem anschließenden Tsunami hart getroffen wurde. Seit 2009 gibt es einen Austausch mit der Universität Fukushima in der Provinzhauptstadt, etwa 60 Kilometer entfernt von den beschädigten Reaktoren. Nur durch Zufall sind momentan keine Bochumer Studierenden in der Stadt: Im März ist Wechselzeit im Austauschprogramm. „Für zwei unserer Studenten sollte das Auslandsjahr gerade losgehen“, sagt Dr. Stefan Köck, der den Austausch mit der japanischen Uni leitet. Das geht nun vorerst nicht. „Die japanischen Kollegen haben explizit darum gebeten, den Austausch zu verschieben.“ Mögliche Gefahren durch die Strahlung aus dem havarierten Atomkraftwerk waren dabei allerdings nicht der entscheidende Grund: „Vor allem hat die Stadt Probleme mit Verkehr, Energie-  und Wasserversorgung. Davon sind auch die Wohnheime betroffen.“ Anders als in einem WDR-Bericht zum Thema vermittelt, ist die Japan-Reise für die Bochumer Studenten nicht endgültig vom Tisch. „Sobald es möglich ist, holen wir den Austausch nach“, sagt Köck. In der laufenden Woche sollten eigentlich auch die japanischen Studierenden in Bochum eintreffen. „Auch mit ihnen haben wir Mail-Kontakt“, so Köck. Die Ausreise gestaltet sich aber schwierig. „Hier ist alles vorbereitet. Wann die beiden Studenten aus Fukushima ankommen, wissen aber momentan weder sie noch wir.“
Entsetzte JapanologInnen
Der ehemalige RUB-Student Martin Stroschein lebt seit 2009 in Japan. Momentan ist er vor allem eines: sauer auf die deutschen Medien. Die Berichterstattung über den Atomunfall in Fukushima Daiichi hält er für überzogen und unseriös, die Reaktionen in Deutschland für hysterisch: „Ich wäre sehr froh, wenn weniger Leute bei gerade populärem Verunsicherungsquatsch mitmachen würden.“ Während sich hierzulande einige AtomkraftexpertInnen über die angeblich unzureichende Informationspolitik der japanischen Regierung und der Betreibergesellschaft Tepco beschweren, übt er Kritik an dem, was er über das Internet aus Deutschland hört und sieht. Seine Sorge ist, dass die humanitäre Notlage in den vom Tsunami verwüsteten Gegenden hinter medial geschürten atomaren Bedrohungsszenarien zu verblassen droht. „Für mich hat es den Anschein, als wäre Strahlung für die Menschen – auch durch fehlende schulische Aufklärung – etwas geradezu Magisches geworden, unbegreiflich und daher trotz gegenteiliger wissenschaftlicher Erklärungen eine unfassbare Bedrohung. Aus einer unbestimmten Angst vor Magie heraus materielle Entscheidungen zu treffen und letztlich das echte Entsetzen des Tsunamis komplett zu vergessen, das halte ich jedoch für falsch.“
Mit seiner Wut auf die westliche Berichterstattung ist Martin nicht allein. Auf der „Bad Journalism Wall of Shame“ (jpquake.wikispaces.com) sammeln in Japan lebende AusländerInnen inzwischen Fälle von „sensationalistischen, spekulativen oder einfach schlechten Berichten“ über das Beben und die atomaren Unfälle. Der Mangel an Kenntnissen über das Land und die gleichzeitige Suche nach Schlagzeilen und Erklärungen sorgen für teilweise schwer fassbare intellektuelle Fehltritte. In der Welt am Sonntag verglich ein Autor die Hubschrauber-Crews, die den havarierten Reaktor aus der Luft mit Wasser zu kühlen versuchten, mit „Kamikaze-Piloten“. Der faschistische Kriegsbefehl zum Selbstmordanschlag und die freiwilligen Rettungseinsätze im Jahr 2011 entbehren allerdings allein historisch jeder Vergleichsmöglichkeit – etwaige Rückschlüsse auf die japanische Volksseele sind noch absurder.
Die Spiegel-Journalistin Nora Reinhardt sorgte mit einer Interviewanfrage an einen japanischen Wissenschaftler für Unmut bei dem Gefragten und Entsetzen unter deutschen Japanologen. Reinhardt vermutete hinter dem für sie „überraschenden“  Ausharren der Japaner in ihrem Land einen „philosophischen, typisch japanischen Ansatz“ und fragte sogar: „Ist das Motiv der Katastrophe in der japanischen Popkultur einer der Hauptgründe für die Tatsache, dass die Japaner – wie Sie – trotz des Erdbebens nicht aus ihrem Land fliehen?“ Dieser kulturalistische Schuss ins Blaue kam beim Angesprochenen nicht gut an. Stattdessen fühlte er sich angesichts des Versuches, eine pluralistische Gesellschaft zu einer in ihrer Mentalität gleichförmigen Herde von Godzilla-Fans zusammenzufassen, ernsthaft beleidigt. Also leitete er die Mail an einen befreundeten deutschen Japanologen weiter, der das Schreiben wiederum auf einem fachbezogenen Mailverteiler veröffentlichte. Dort fallen die Reaktionen auf die klischeebehafteten Fragen der Spiegel-Journalistin teilweise harsch aus: Der Umgang mit Japan sei unfair und von stereotypen Denkmustern bestimmt.
Ein wunderliches Volk
Melanie Wacker ist letzte Woche überstürzt aus Tokio abgereist. Sie hat an der Ruhr-Uni einen B.A. in Politik Ostasiens absolviert und promoviert nun an der Uni Duisburg-Essen über japanische Politik. Zum „Atomflüchtling“ wurde Melanie unter anderem, weil ihr Institut die Lage in Fukushima als bedrohlich einschätzte und sich um ein Rückflugticket für die Doktorandin bemühte. Die Sorge ihrer Mutter tat ihr Übriges. „Die Angst vor der Radioaktivität ist im Laufe der ersten Tage aus Deutschland zu mir durchgesickert“, sagt Melanie. „Zwischen Japan und hier gab es offenbar einen erheblichen Informationsunterschied.“
Zurück im Ruhrgebiet wurde sie dann selbst zum Objekt der hiesigen Berichterstattung. Die Westfalenpost überschrieb die Geschichte ihrer Rückkehr mit dem Titel „Flucht vor der Strahlenwolke“. In dieser Überschrift steckt nicht nur mangelnde Reflexion über die tatsächliche Situation in Japan. Wieder schwingt auch die große Frage mit, die die Hintergrundartikel der letzten Tage beherrschte: Was sind die Japaner bloß für ein wunderliches Volk? Auf der Suche nach der Antwort wurde Melanie zur gefragten Ansprechpartnerin. Auch der WDR befragte sie zur „seltsamen Ruhe“ der JapanerInnen im Angesicht der Katastrophe. Mit dem Ergebnis ist sie indes nicht zufrieden: „Meine Aussagen wurden auf eine Art und Weise verkürzt, die an Verfälschung grenzt“, resümiert sie. Der letztlich gesendete Interviewschnipsel in der Lokalzeit Duisburg erweckt den Eindruck, auch die „Japan-Forscherin“ Melanie sei vor allem befremdet gewesen über das Verhalten der JapanerInnen. „Das ist so aber nicht richtig“, stellt sie klar. Aufgefallen sei ihr lediglich, dass die JapanerInnen in ihrem Umfeld gelassen mit der Lage nach dem Beben umgehen. Zu diesem Zeitpunkt herrschte allerdings in Tokio kaum echte Gefahr, die Schäden durch das Beben waren ebenfalls gering. Die Sorge um die Situation in Fukushima war noch gar nicht in der Hauptstadt angekommen. Die Ruhe der Menschen in Tokio ist vor diesem Hintergrund nicht absonderlich. An einer derartigen Differenzierung schien der WDR allerdings nicht interessiert.
Schon wieder Kamikaze
Auffällig ist, dass sich das Verlangen nach einfachen, holzschnittartigen Erklärungen für die angebliche japanische Andersartigkeit auch und gerade in den intellektuellen Bastionen des deutschen Journalismus widerspiegelt. Die Süddeutsche Zeitung leitet ein Interview über die Hubschrauber-Einsätze zum Beispiel folgendermaßen ein: „Sollen sich Einzelne für andere opfern? In Fukushima-1 passiert das gerade. Der Historiker Conrad über Kamikaze als Symbol für die japanische Gesellschaft.“ Dass der befragte Historiker die Sache völlig anders sieht, wirkt in dem folgenden Interview fast überraschend. Martin Stroschein ärgert sich weiter: „Der Witz ist ja, dass der Interviewte die Fragen des Journalisten zu entkräften versucht und sagt, dass man eben nicht sagen könne, dass das irgend etwas mit Kamikaze zu tun hat. Dieser Einlauftext ist der Beweis für das, was in den deutschen Medien falsch läuft.“ Als Symbol für die japanische Gesellschaft eignet sich der Begriff Kamikaze jedenfalls nicht. Als Symbol für das hiesige Bedürfnis, die Ereignisse in Japan in ein stereotypes Abziehbild von einer fremden Welt zu zwängen, scheint er hingegen durchaus angebracht.

Illustration: mlgDreifache Katastrophe in Japan: Die unbestimmte Angst vor der Strahlung wirkt bis Bochum

Die Trümmer des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi sind in Deutschland zum Epizentrum der Berichterstattung über die dreifache Katastrophe in Japan geworden. Im Gegensatz zum Tsunami, der ganze Küstenstreifen verwüstet hat, sind die Folgen des Atomunfalls noch immer kaum abzusehen. Davon fühlen sich selbst Viele betroffen, die die Geschehnisse nur im Fernsehen mitverfolgen. An der Ruhr-Uni gibt es Menschen, für die die Zerstörungen im Nordosten Japans mehr sind als nur eine entfernte Katastrophe. Die bsz sprach mit ihnen über Medien und Stereotypen.

Kleist zeichnet Fidel gegen den Strich

Geschrieben von CMP am . Veröffentlicht in Kultur

Comic-Rezension zu „Castro“
Kleist zeichnet Fidel gegen den Strich
(CMP) Am Ende steht ein alter Mann in einer Adidas-Jacke neben seinem Krankenbett und schaut missmutig durch Gitterstäbe hinaus auf die Palmen. Zahlreiche Anschläge auf sein Leben hat er überstanden. Seine Bewacher tragen Gewehre. „Ich habe versucht die Welt zu verändern… doch es ist eine Illusion.“ Es ist der unvertraute, intime Blick auf den Revolutionsführer den Reinhard Kleist mit seiner Graphic Novel „Castro“ wagt. Einfühlsam hat er die gängigen Vorurteile über den Máximo Líder gegen den Strich gezeichnet.
Die zeichnerische und charakterliche Darstellung Fidel Castros über eine Zeitspanne von einem halben Jahrhundert sei von einer fesselnden Authentizität und gleichermaßen spannend wie unterhaltsam gelungen, urteilte der Lateinamerika-Experte und Castro-Biograph Volker Skierka in seinem Vorwort zu „Castro“. Nach einer bildgewaltigen Undergroundphase zieht es den Zeichner zum Monumentalen. Zur Vorbereitung hielt sich Kleist 2008 vier Wochen lang in Kuba auf. Seine Eindrücke und Erlebnisse hielt er in dem gezeichneten Reisebuch „Havanna. Eine kubanische Reise“ fest. Der Strich hatte sich also geographisch verordnet. Und gerade hier ist Kleist unschlagbar. Die Schattenspiele im Blätterwerk der Palmen benötigen keine Farbe, ihr graphischer Gehalt erfährt in der Schwarz-Weiß-Darstellung eine Zuspitzung. Im Zentrum: Fidel Castro.
Vom Jurastudium in die Schweinebucht
Der Sohn eines Großgrundbesitzers besitzt schon sehr früh ein Gespür für soziale Ungerechtigkeiten. Als Student der Jurisprudenz legt er sich mit der kubanischen Mafia an. Nach etlichen Radikalisierungsschüben nimmt der junge Intellektuelle schließlich den Kampf gegen das verhasste Batista-Regime auf. Che Guevara spielt nur eine Nebenrolle. Mit der Figur des Journalisten Karl Mertens, der den Prototyp des „westlichen Intellektuellen“ der 50er Jahre verkörpert, ist Kleist ein großartiger Erzähler gelungen. Mertens begegnet Castro zum ersten Mal schwadronierend in der Hängematte seiner Dschungelfestung Sierra Maestra. Von da an verschreibt er sich der Revolution.
Als Castro am 13. Februar das Amt des Ministerpräsidenten übernimmt, bleibt Mertens auf Kuba. Ideologisch blind bleibt er gegenüber den Schattenseiten der Revolution: den Repressionen und der Armut. Zu spät erkennt er, dass er alles verloren hat. Und Castro?  „Wer sich der Revolution verschreibt, pflügt das Meer“, steigt es in der Sprechblase empor, der Revolutionsführer zeigt dabei den LeserInnen seinen Rücken. Und somit endet eine Geschichte, die so wundersam ihren Anfang genommen hatte. Was wird bleiben? Eine abschließende Leerstelle verliert sich zwischen dem gezeichneten Schwarz und Weiß.
Dichter von Panel zu Panel
Einmal mehr ist Reinhard Kleist ein Coup gelungen. Wie bereits mit seinem großen Erfolg „Cash. I see a darkness“, beweist Kleist sein empathisches Talent, das die LeserInnen von Panel zu Panel in eine größere atmosphärische Verdichtung zieht. In der Darstellung des Máximo Líder geht weit über das Genre des von Joe Saccos geprägten Reportagencomic hinaus. Kleist historisiert da, wo sein Pathos versagt. Das hat System. Sein Talent zur Reduktion unterläuft höchst selten die Kraft seiner Synthesen. Vielleicht hat sich Kleist ein Stück zu weit in Castro eingefühlt. Zu oft wirkt der Zeichner als Anwalt des Revolutionsführers, der um Verständnis bittet. Der gewaltige Repressionsapparat hätte ein reichhaltiges Bilderreservoir geboten. So schlägt das Pendel zu sehr Richtung Ereignisgeschichte aus. Letztendlich ist dieses Manko dem Unterfangen geschuldet, ein halbes Jahrhundert auf 280 Seiten verfrachtet zu haben. Hier rächt sich die Reduktion. Gleichwohl ist Reinhard Kleist einmal mehr ein großartiges Werk gelungen. Das Genre der Grafic Novel wird der Revolutionscomic jedoch nicht revolutionieren. Kleist beschreitet keine neuen Wege, sondern setzt in der Darstellung auf Bewährtes. Das hat er sich erarbeitet. Das macht er gut. Somit darf „Castro“ durchaus als gelungen betrachtet werden.
Mythos Castro
Und Castro selber? „Die Menschheit beginnt, Bewusstsein zu erlagen“, sagte er 2000 angesichts der Proteste in Seattle und Davos in einem Interview mit Federico Mayor Zaragoza. Noch immer kocht das revolutionäre Fieber in dem von Krankheit gebeugten Mann, gleichwohl sein Bruder Raúl nun die Regierungsgeschäfte auf der Insel übernommen hat. Es bleibt der Mythos Castro. Doch gerade diesem Mythos steht der Máximo Líder kritisch gegenüber. „Die USA haben mich zum Mythos gemacht“, gab er Zaragoza zu Protokoll. Die Legende lebt von denen, die sie erzählen. Nun hat auch Reinhard Kleist seinen Beitrag dazu geliefert.
Reinhard Kleist:  „Castro“ Carlsen Comics. 2010. 19,90 Euro

altComic-Rezension zu „Castro“

Am Ende steht ein alter Mann in einer Adidas-Jacke neben seinem Krankenbett und schaut missmutig durch Gitterstäbe hinaus auf die Palmen. Zahlreiche Anschläge auf sein Leben hat er überstanden. Seine Bewacher tragen Gewehre. „Ich habe versucht die Welt zu verändern… doch es ist eine Illusion.“ Es ist der unvertraute, intime Blick auf den Revolutionsführer den Reinhard Kleist mit seiner Graphic Novel „Castro“ wagt. Einfühlsam hat er die gängigen Vorurteile über den Máximo Líder gegen den Strich gezeichnet.

Die Bunker-Gentrifizierung

Geschrieben von CMP am . Veröffentlicht in Kultur

Schöner neuer Springerplatz

1-1_Luftschutzbunker_by_Simplicius_Wikimedia_Commons_CC_by-saVom Schandfleck zum Hoffnungsschimmer: Der Springerplatz soll schöner werden. Dazu tagte unlängst der Ausschuss für Wirtschaft, Infrastruktur- und Stadtentwicklung. Im Mittelpunkt der Planungen steht der alte Bunker im Zentrum des Platzes. Einst Refugium der erfolgversprechenden No-Budget-Arts, soll nun die citynahe Enklave der Kulturachse Viktoriastraße gentrifiziert werden. Doch ist im Ruhrgebiet Gentrifizierung überhaupt möglich?

Trotze, so bleibt dir der Sieg

Geschrieben von fik am . Veröffentlicht in Hochschulpolitik

Abschaffung der Studiengebühren in NRW beschlossen

1-2_flickr_von_Axelot_CC_BY-NC-ND_swDer Landtag in Düsseldorf hat die Studiengebühren in ganz NRW abgeschafft. Ab dem Wintersemester 2011/12 dürfen in Nordrhein-Westfalen die Hochschulen keine allgemeinen Studiengebühren mehr erheben. Die 249 Millionen Euro aus den Gebühren werden komplett über den Landeshaushalt kompensiert. Das monatelange Gezerre zwischen der rot-grünen Minderheitsregierung und der Linksfraktion hat so doch noch ein positives Ende gefunden.