Die Bochumer Studierendendelegation ist zurück aus Tunesien

diskussion-mit-studierenden-in-sfax(fik) Elf Tage in Tunesien – das hört sich nach Urlaub an. Aber spätestens seit der sogenannten „Jasminrevolution“ gibt es auch ganz andere Gründe, in das nordafrikanische Land zu reisen. Eine Delegation von Bochumer Studierendenvertreter_innen ist zurück von einer erlebnisreichen und konstruktiven Reise. Nach der autoritären Diktatur des Ben-Ali-Regimes bilden sich an den Unis des Landes gerade demokratische Strukturen.


Die Bochumer Aktiven sind zum Informationsaustausch eingeladen worden  und um den Aufbau von studentischen Selbstverwaltungs- und Mitbestimmungsstrukturen durch Workshops zu unterstützen. Insgesamt haben die Vertreter_innen von AStA, der FSVK, der Senatsfraktion und des Akafö sieben tunesische Universitäten besucht. Neben den Hochschulen im Norden (Tunis, Monastir, Mahdia, Sousse und Sfax) ging es auch in den deutlich traditioneller geprägten Süden, nämlich nach Tataouine und in die Küstenoase Gabes.

Neokolonialismus? Nein, Selbstorganisation.

Internationaler Nord-Süd-Austausch, das ist häufig eine Sache ungleicher Machtverhältnisse. „Erst sind die Franzosen gekommen, um uns ein System aufzudrücken, nun kommen die Deutschen“, so formulierte ein tunesischer Student im ersten gemeinsamen Workshop seine Vorbehalte. Schnell legte sich jedoch diese Sorge. Die Bochumer Gruppe stellte zu Beginn kurz die studentischen Selbstverwaltungsstrukturen in Deutschland vor – jedoch nicht als reines Positivmodell, sondern auch mit all ihren Problemen und Defiziten. Sofort folgte darauf eine lebhafte Diskussion. Dann entschloss sich die Gruppe, dass die nächsten Workshops von tunesischen Studierenden geleitet werden sollten. „Unsere Rolle hat sich ziemlich schnell geändert. Wir waren eingeladen, um Input zu geben, und wurden dann zu Beobachterinnen der ersten Schritte der studentischen Selbstverwaltung an den tunesischen Hochschulen“, sagt FSVK-Sprecherin Valeska Scharpeý. Dabei diskutierten die Studierenden auch über demokratische Modelle, die wenig mit den Verhältnissen in Deutschland zu tun haben – und probierten sie sogar in Planspielen aus. Eines sah so aus: Die Studierenden wählen einzelne Professor_innen, und diese wählen wiederum den Dekan einer Fakultät. Oder: Studierende wählen – neben den Profs – auch ihren Dekan selbst.
In den Wohnheimen gibt es bereits eine Art Delegiertensystem, bei dem alle Bewohner_innen Vertreter_innen wählen, die wiederum die Sprecher_innen der einzelnen Wohnheime wählen. Bei den von der Bochumer Delegation begleiteten Workshops spielte auch der Vernetzungsgedanke eine große Rolle. In allen Workshops entstanden E-Mail-Verteiler, um auch weiterhin in Kontakt bleiben zu können.
Ob die Konzepte der Studierenden eine Chance auf Umsetzung haben? „Wir hatten auch einen Termin im Bildungsministerium in Tunis“, sagt Oliver Hein vom AStA der RUB. „Und da wurde uns zumindest zugesichert, dass man durchaus offen für neue Ideen sei.“ Tatsächlich ist gerade vieles im Umbruch: Die Universitätsleitungen sind aktuell nur kommisarisch besetzt, das Land wird von einer Übergangsregierung geführt. In weniger als drei Wochen sollen die ersten freien Wahlen stattfinden, und zwar zu einer verfassungsgebenden Versammlung.

Katastrophale Wohnsituation

„Ich glaube, dass die tunesischen Studierenden ihren eigenen Weg finden werden“, sagt Claudia Niggenaber, studentische Senatorin der Ruhr-Uni. Natürlich gibt es noch viele Probleme, vor allem auch in Bezug auf die sozialen Verhältnisse. „Ich war geschockt, als wir die ersten Studierendenwohnheime gesehen haben. Die Zimmer waren winzig, die hygienischen Bedingungen und die Ausstattung der Wohnanlagen katastrophal“, sagt die Bochumer Studentin weiter. Außerdem seien die Unterschiede zwischen dem wohlhabenderen Norden und dem viel ärmeren Süden Tunesiens riesig – eines der großen Probleme, mit dem nicht nur die Studierenden, sondern das ganze Land zu kämpfen hat.
Trotz aller Hindernisse haben die drei Studentenwerke Tunesiens es sich zur Aufgabe gemacht, dass die begonnen Diskussionen nicht im Sand verlaufen. Auch ohne eine begleitende europäische Delegation sollen tunesische Studierende zukünftig die Möglichkeit erhalten, durch das Land zu reisen, um sich über die universitären Demokratisierungsprozesse auszutauschen. Ein Gegenbesuch in Deutschland ist ebenfalls geplant. Bestenfalls könnte daraus ein jährliches Austauschprogramm werden. Und was passiert in der Zwischenzeit? „Wir wollen ein gemeinsames Internetforum aufbauen, in dem wir auch über Fragen und Probleme diskutieren können, die deutsche und tunesische Studierende gleichermaßen betreffen“, so Olfa Zerria, Jurastudentin an der Uni Sousse. Nach den elf Tagen Delegationsreise und der unglaublichen Gastfreundschaft war der Abschied sehr bewegend. Doch die Zusammenarbeit hat gerade erst begonnen.