Alternative Wohnkonzepte in Bochum

4-1-flickr-by-agfreiburg-CC-BY-NC-SA-2 Wer kennt es nicht: Der Nachbar, das unbekannte Wesen. Das Leben und Wohnen in der Stadt ist geprägt von Anonymität. In der Masse lässt es sich leicht ein- und eben auch abtauchen. Die urbane Wohnlandschaft hat aber weit mehr zu bieten als anonyme Wohnklötze: Sozialverträgliche Alternativen bieten die Wohnanlagen des Akafö, die noch im Bau befindliche Wohnsiedlung Claudius-Höfe im Stadtkern und der Bauwagenplatz im Bochumer Osten. Alternatives Wohnen, vor allem in einer integrativen Gemeinschaft, erfreut sich nicht nur in Bochum immer größerer Beliebtheit.

Die Wohnsiedlung Claudius-Höfe, die an der Ecke Mauritius- und Düppelstraße entsteht, ist ein Projekt des Matthias-Claudius-Sozialwerk Bochum. Das Sozialwerk hat bereits die Matthias-Claudius-Gesamtschule, die Villa Claudius, ein integrativer Gastronomiebetrieb, und andere Projekte ins Leben gerufen. Der Bauwagenplatz und die Wohnsiedlung könnten allerdings nicht unterschiedlicher sein. Ein ausgefeiltes architektonisches und modernes Wohnkonzept auf der einen Seite und ein entschleunigtes, auf viele technische Annehmlichkeiten verzichtendes Wohnen auf der anderen. Dennoch verbindet die Claudius-Höfe und der Bauwagenplatz ein gemeinsamer Grundgedanke: Das Mitbestimmungsrecht im gemeinsamen Dorfleben. Auf 10.000 Quadratmetern Grundfläche entsteht im Bochumer Stadtkern eine barrierefreie Dorflandschaft für 180 MieterInnen mit den unterschiedlichsten Wohnbedürfnissen. Das Selbstverständnis der Claudius-Höfe beschreibt das Sozialwerk als „die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens nach dem Leitbild des `Dorfes mitten in der Stadt‘, das durch vielfältige Gemeinschaftseinrichtungen und Aktivitäten die Entwicklung von nachbarschaftlicher Hilfe und Fürsorge, Identität und Kultur fördern will“. Junge und alte Menschen, Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, Familien und Singles, Studierende und Angestellte mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen werden die Wohnsiedlung in ihrer Vielfalt bevölkern. Auch für Studierende besteht die Möglichkeit mit einem Wohnberechtigungsschein in die Siedlung zu ziehen: Der Mietpreis pro Quadratmeter beträgt 4,45 Euro. Dabei setzt das Sozial­werk nicht nur auf Diversität, sondern auch auf ökologische Nachhaltigkeit. Die energieoptimierte Bauweise der Siedlung wurde bereits mit einem Architekturpreis des Bundeswirtschaftsministeriums ausgezeichnet. Nicht nur die verwendeten Baumaterialen ermöglichen eine Energieersparnis für die Haushalte, sondern auch die großflächigen Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Gebäude und eine thermische Solaranlage zur Wärmegewinnung. Ein vielversprechendes Wohnkonzept, das sich im nächsten Jahr nicht mehr nur auf dem Reißbrett bewähren muss, sondern auch im Alltagsleben der zukünftigen MieterInnen.

Entschleunigung im Bauwagen

Ein kleiner, mit Fackeln beleuchteter Trampelpfad führt auf den Bauwagenplatz im Bochumer Osten. Der in einem kleinen Wäldchen gelegene Platz ist für nicht eingeweihte BesucherInnen kaum zu erahnen. Nach 100 Metern tut sich eine Lichtung auf, die verstreut stehenden Bauwagen der BewohnerInnen werden sichtbar. Kleine, weiße Rauchfahnen zeigen, ob jemand Zuhause ist oder nicht. So idyllisch, wie auf dem Bochumer Bauwagenplatz, geht es aber bei weitem nicht auf jedem deutschen Bauwagenplatz zu. Viele Plätze sind Repressionen ausgesetzt: Das städtische Umfeld reagiert mit Ablehnung, die Stadt selbst droht mit Zwangsräumungen. Im Freiburger Kreativstadtteil Vauban  wurde im August das Wagenkollektiv „Kommando Rhino“ unter schweren Ausschreitungen mit der Polizei aufgelöst. Auch die Bedrohung von faschistischen Übergriffen schwirrt in den Köpfen der zumeist linksorientierten BewohnerInnen von Wagenkollektiven. Der Bochumer Bauwagenplatz wird jedoch von der Stadt toleriert und ist im Besitz eines Sondernutzungsrechts für den Standort.
Eine Bauwagenbewohnerin (der Redaktion bekannt) schildert ihren Alltag im Bauwagen: „Vor allem im Winter ist es schwierig Strom zu generieren, die Solaranlage des Platzes reicht im Sommer aber voll aus“. In der kalten Jahreszeit muss der Wagen winterfest gemacht werden, der Holzofen benötigt ständig Nachschub. „Letztens habe ich Murks beim Ofen gebaut und bin am nächsten Morgen bibbernd  in klirrender Kälte aufgewacht. Aber so ist das eben“, so die Bewohnerin weiter. Das Leben im Wagenkollektiv ist kein Außenseiterdasein am Rande der Gesellschaft, aber viele, bewusste Abstriche im Verständnis von modernem Komfort müssen gemacht werden. „Der Wald ist unser Klo. Zum Duschen geh‘ ich ins Unibad und wenn ich mal so richtig Lust auf eine heiße Badewanne habe, kann ich bei Freunden unterkommen“, sagt die Wagenplatzbewohnerin, die Studentin an der RUB ist. Die Entscheidungen, die für das gemeinsame Leben auf dem Platz von Belang sind, werden demokratisch in einem wöchentlichen Plenum verhandelt. Ähnlich dem noch zu realisierenden Konzept der Claudius-Höfe Siedlung werden hier die nachbarschaftlichen Bedürfnisse nicht außer Acht gelassen. Das immer schnelllebigere Dasein gehetzter GroßstädterInnen wird hier vom kleinen Wäldchen geschluckt, elektronische Geräte fressen Strom und werden nicht im ständig vorherrschenden Kommunikationswahn betrieben. Die Bauwagenbewohnerin ist, auch wenn sie noch nicht lange auf dem Platz wohnt, begeistert von dieser alternativen Lebensweise näher an der Natur und in der Gemeinschaft. Die einmalige Anschaffung des Wohnraums ist abhängig vom Zustand und der Größe des Bauwagens und ab 1.000 Euro zu haben. Aber die Grenzen nach oben sind natürlich auch hier offen.

Leben und wohnen fernab

der Anonymität

Dies sind nur zwei alternative Wohnmöglichkeiten fernab der Anonymität und mit innovativen Raumkonzepten. Ob Groß-WG, Mehr-Generationen-Wohnen in der eigenen Familie, Ökohäuser, Baumhäuser, besetzte Häuser oder ausgebaute Industriehallen: Die Entwicklung neuer Wohnkonzepte gerät immer mehr in den Fokus. Vor allem stellen ehemalige Normal-MieterInnen oder EigentumsbesitzerInnen in Eigeninitiative ökologisch nachhaltige und integrative Wohnprojekte auf die Beine. Auch der große Zuspruch für die Wohnsiedlung Claudius-Höfe spricht für ein wachsendes Bedürfnis und die Realisierung von Alternativen.