Soforthilfe-Telefonhotline

2-1-web-by-savv-flickr-CC-by-saHausarrest, Schläge, Rauswurf – Noch immer stoßen vor allem Jugendliche beim Coming-Out auf Ablehnung und Widerstände. ExpertInnen gehen davon aus, dass nahezu jeder dritte Suizidversuch von lesbischen und schwulen Jugendlichen unternommen wird. In vielen Familien ist das Thema nach wie vor ein Tabu, auf Verständnis und Unterstützung können viele nicht hoffen. Doch was tun, wenn das Worst-Case-Scenario – etwa der Rauswurf durch die Eltern – eintritt? Eine neue Telefon-Hotline will Soforthilfe leisten.

„Es hätte“, sagt Daniel Meier, „schlimmer kommen können.“ Als er vor zehn Jahren seinen Eltern anvertraute, dass er schwul ist, wandte sich seine Mutter von ihm ab, der Vater ging auf Distanz. Krank sei er, nicht „normal“. Das Verhältnis zu den Eltern erlitt einen nachhaltigen Bruch. „Meine Mutter hat mich gehasst,“ erzählt der 30-Jährige über die Situation damals. Orientierungslos sei er gewesen, mit Selbstzweifeln behaftet. „Wenn du in einer Umgebung aufwächst, in der Homosexualität als Krankheit gilt, glaubst du das irgendwann selber.“ Auch er unternahm mehrere Suizidversuche, mit seiner Mutter hat er bis heute kaum Kontakt. „Viele Eltern schmeißen ihre Kinder aus lauter Zorn aus dem Haus, meist sehr spontan“, sagt er. Dass dies gerade bei jungen Leuten zu drastischen Reaktionen führen kann, liegt für Daniel auf der Hand. Man merkt ihm an, dass die tragischen Erfahrungen in seinem Leben tiefe Spuren hinterlassen haben. Heute hat Daniel mit der Sache abgeschlossen: „Ich gehe ganz offen mit meiner sexuellen Orientierung um, das wünsche ich mir auch für andere Betroffene.“ Endlich wollte er seinen Worten auch Taten folgen lassen. Dem Wittener kam vor einiger Zeit die Idee, eine Telefon-Hotline zur Soforthilfe für Betroffene einzurichten. Der Plan: „Wenn Jugendliche etwa zu Hause rausgeworfen werden, können sie rund um die Uhr anrufen. Ein Taxi holt sie ab und bringt sie in eine Notunterkunft.“
Dafür hat Daniel mit einem Taxi-Unternehmen einen Vertrag gemacht, jeweils zum Monatsende begleicht er die Rechnung. Auch für einen sicheren Schlafplatz ist gesorgt; das soziokulturelle Zentrum „Trotz Allem“ in der Wittener Innenstadt, welches sich an der Finanzierung beteiligt, stellt hierfür seine Räume zur Verfügung. Doch die Hotline soll nicht nur für akute Notfälle erreichbar sein. „Ich stehe Betroffenen mit meiner Erfahrung mit Rat und Tat zur Seite, ich informiere, gebe Tipps, oder höre mir einfach die Sorgen und Nöte der Jugendlichen an.“

Gewalt und Depressionen

Bedarf dürfte in jedem Fall bestehen. Studien zufolge werden etwa vier Prozent der schwulen und lesbischen Jugendlichen, als Reaktion auf ihr Outing, von den Eltern vor die Tür gesetzt. Auch Gewalterfahrungen sind keine Einzelfälle. Forscher­Innen gehen davon aus, dass eineinhalb Prozent der queeren Jugendlichen körperliche Gewalt im Elternhaus erfahren, knapp sechs Prozent in der Öffentlichkeit und sieben Prozent in der Schule. Dies bezieht sich mitnichten auf einmalige Aktionen, vielmehr findet die Gewalt mehrfach statt. Dem niedersächsischen Sozialministerium zufolge leiden 15 Prozent der schwulen Jugendlichen an Depressionen, bei ihren heterosexuellen Altersgenossen sind es hingegen nur fünf Prozent. Zahlen zu lesbischen oder anderweitig queeren Jugendlichen nennt das Ministerium nicht.

Problem Alltags-Homophobie

Tatkräftige Unterstützung fand Daniel bei Christian Hollberg. Er ist Mitinitiator der queeren Veranstaltungsreihe Transistor, welche monatlich im „Trotz Allem“ stattfindet. „Der Weg zum Coming-Out wird durch homophobe und patriarchale Machtstrukturen erschwert“, sagt Hollberg. Mit seiner Transistor-Reihe, in der regelmäßig Vorträge und Diskussionen rund um queere Themen stattfinden, möchte er dieser Realität etwas entgegensetzen. Als er von Daniels Ambitionen erfuhr, kam den beiden die Idee, ihre Kräfte zu bündeln. Daniel hatte zuerst versucht, innerhalb der lokalen Linkspartei eine Queer-Gruppe auf die Beine zu stellen. Die Resonanz war mäßig, während Christian mit seiner Transistor-Reihe viele Menschen mobilisieren konnte. „Wer Gewalterfahrungen aufgrund von Homophobie machen musste, findet in uns bei Transistor einen Ansprechpartner.“ Allerdings sei auch die Möglichkeit des telefonischen Kontaktes wichtig, „da die Hemmschwelle im persönlichen Gespräch ungleich größer ist, als bei einem unverbindlichen Anruf.“ Auch wolle er mit verschiedenen queeren Veranstaltungen, wie etwa Cross-Dressing-Partys, der heteronormativen Realität etwas entgegensetzen. Wie die Resonanz ausfallen wird, lässt sich noch nicht sagen. Die Telefonnummer ist erst seit kurzem freigeschaltet, jetzt kommt es darauf an, das Hilfsangebot bekannt zu machen.

Coming Out Hilfe:
0176 71759680