Die Mär von der Bildungsrepublik

2-2-web-Audimax-by-AndiH-flickr-CC-by-nc-ndDa ist er nun, der StudentInnenberg. Noch nie zuvor haben in Deutschland so viele Menschen studiert. Die Bildungspolitik klopft sich auf die Schulter, während in den Hörsälen die Studierenden jammern. Wieder mal fehlt das ausreichende Kleingeld.

Das Hochschulstudium ist so beliebt wie nie zuvor. Das Statistische Bundesamt gab vergangene Woche bekannt, dass es 515.800 StudienanfängerInnen zum Wintersemester 2011/12 ermittelte. Das ist ein Anstieg um 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt studieren circa 2,38 Millionen Menschen in Deutschland. Zu den Hauptgründen für den Ansturm zählen die Aussetzung der Wehrpflicht und die doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen. Wegen der Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre verzeichneten die Bundesländer nun einen besonders deutlichen Anstieg durch die doppelten Abiturjahrgänge, der sich in den nächsten Jahren auch auf die anderen Länder ausbreiten wird. Für das Wintersemester 2012/2013 prognostizieren die StatistikerInnen somit einen noch stärkeren Zuwachs an Einschreibungen. Allein in NRW wuchs die Zahl der ErstsemesterstudentInnen um 22 Prozent. Durch die Aussetzung der Wehrpflicht ist zudem der Anteil der männlichen Studienanfänger stark angewachsen.
„Es ist ein sehr gutes Zeichen, dass heute so viele junge Menschen ein Studium beginnen,“ sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). „Das große Interesse am Studium ist ein ermutigendes Signal gegen den Fachkräftemangel und für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Es zeigt auch, wie attraktiv unsere Hochschulen sind.“

Hübsche Hochschulnot

Aus dem Anstieg der Studierendenzahlen die Attraktivität der deutschen Hochschulen herauszulesen, erfordert schon ein gehöriges Stück Fantasie. Schließlich gibt es recht wenig Alternativen um in Deutschland einen Studienabschluss zu erlangen. Aber der Stolz von Frau Schavan reicht noch weiter: So sei in erster Linie der 2007 geschlossene Hochschulpakt, durch den der Bund den Ländern mehrere Milliarden Euro für die Hochschulen bereitstellt, für die tolle Situation verantwortlich.
Die Studenten und Studentinnen, die in der U-Bahn kaum noch atmen können, auf den Treppen der Hörsäle sitzen und in übervolle Seminare gehen müssen, merken davon allerdings kaum etwas. Irgendwann ist jede Infrastruktur überbeansprucht. Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz Margret Wintermantel bezeichnete die Situation an den Unis „vielerorts zum Zerreißen gespannt.“ Bund und Länder hatten im Hochschulpakt vereinbart, zusätzlich 335.000 Studienplätze für die geburtenstarken Jahrgänge von 2011 bis 2015 zu finanzieren. „Bereits jetzt, im ersten von fünf Jahren des Pakts, haben die Hochschulen darüber hinaus 67.000 Studierwillige aufgenommen“, so Wintermantel. So sei eine weitere Aufstockung des Hochschulpaktes um 3,8 Milliarden Euro dringend erforderlich. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft drängte zugleich auf die Einstellung zusätzlicher Lehrkräfte. Das Deutsche Studentenwerk verlangt ebenfalls mehr Geld für Wohnheime und Mensen.

Milliarden trotz Mangel

Sie alle brauchen mehr Geld, während sich BildungspolitikerInnen damit rühmen, bereits viel Geld ausgegeben zu haben. Wie kommt das? Bildungspolitik findet fast ausschließlich in den Bundesländern statt. Mit der Föderalismusreform hat der Bund den letzten Rest Mitbestimmung bei der Gemeinschaftsaufgabe Bildungsplanung abgegeben. Und die LandespolitikerInnen knausern gerne, um ihre Haushalte zu sanieren. Laut dem Statistischen Bundesamt sind die Bildungsausgaben Deutschlands im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung noch immer unter dem Durchschnitt der OECD-Industriestaaten. So können PolitikerInnen in Wahlkampfzeiten laufend damit prahlen, dass ihre Regierungen zusätzliche Milliarden für die Bildung ausgegeben haben. De facto hinkt die Ausstattung deutscher Schulen, FHs und Unis aber deutlich hinter der von französischen und amerikanischen hinterher. Die Milliarden von denen die Bundesbildungsministerin schwärmt, sind letztendlich auch nur ein Tropfen auf den viel zu heißen Stein.