Leerstand und Mietmängel im Unicenter

UniCenter-ChsÄrger in Querenburg: Lange Schlangen, enge Gänge und überfüllte Kassen – und das obwohl nebenan zur gleichen Zeit tausende Quadratmeter Verkaufs- und Wohnflächen verrotten. Von einstmals über 50 Geschäften mit breitem Warenangebot ist nur noch ein abgemagertes Skelett übrig, an denen die verbliebenen MieterInnen hängen wie verdorrende Fleischfetzen. Seit vergangener Woche fehlt dem Bochumer Unicenter darüber hinaus das bisher zentralste Einkaufsorgan. Denn der riesige Toom-Markt, das Herz des einstigen Einkaufscenters, hat sich wie schon zahlreiche kleinere Läden zuvor nun ebenfalls aus Querenburg  zurückgezogen. Ein neues Organ mag jedoch bisher niemand spenden.

Zum Einkaufen und Wohnen kommt schon lange niemand mehr nach Querenburg, wenn es nicht sein muss. Das Unicenter steht unter Insolvenzverwaltung. Seit 2008 haben die Comer Immobilienmanagement GmbH und der Dakota Investment SA mit Sitz in Luxemburg den Wohn- und Einkaufskomplex gekauft und die Verwaltung übernommen – zumindest auf dem Papier. Denn die Realität sieht so aus: Wohnungen und Gebäude sind heruntergekommen, Mängel an den Fassaden und ein wenig einladendes Gesamtbild schrecken die MieterInnen ebenso wie KundInnen ab. In den anliegenden Wohnanlagen leben schon jetzt viele MieterInnen unter eigentlich inakzeptablen Bedingungen. „Es lösen sich Platten an den Außenwänden, wodurch nicht nur Fenster Risse bekamen, sondern auch eine akute Bedrohung für die Bewohner besteht“, heißt es dazu in einer Studie des Bochumer Mietervereins. Aber auch defekte Aufzüge und undichte Fenster stehen auf der Mängelliste. 

Nachmieter sagt ab

Die Einkaufssituation ist ähnlich prekär: Seit der Toom-Markt im Februar dieses Jahres seinen Rücktritt aus Querenburg angekündigt hatte, hoffen die AnwohnerInnen auf einen baldigen Nachmieter. Edeka hatte Interesse an den frei gewordenen Ladenflächen, aber zu Beginn der vergangenen Woche auch abgesagt, nachdem eine Inspektion der Verkaufsräume stattgefunden hatte. Die Investition lohnt sich für die Einkaufsmarktkette nicht: Zu viele Mängel, zu viel zu renovieren. Währenddessen sind die einstigen KundInnen des großen Toom-Marktes auf die verbliebenen Läden angewiesen. Doch adäquate Einkaufsmöglichkeiten vor Ort fehlen. Viele BewohnerInnen weichen für ihre täglichen Einkäufe in die Drogerie nebenan aus, weil sie im Supermarkt nicht einmal mehr durch die Gänge kommen. „Das ist der Ankermieter, der für das Unicenter absolut unverzichtbar ist“, sagt Lothar Hoffmann von der Bezirksverwaltungsstelle Bochum-Süd. Von einem neuen Nachmieter weiß er jedoch auch nichts. „Derzeit ist die Presse diesbezüglich auch mein einziges Informationsmedium“, sagt er. „Politik und Verwaltung wollen so schnell wie möglich einen Nachmieter. Dabei kommt es uns auf jede Woche an“, so Hoffmann weiter.

Mietminderung scheitert

Neue Interessenten mit Mietabsichten sind also bislang nicht in Sicht. AnwohnerInnen, Mieterverein und Politik sind wütend und ratlos. Denn das für das Unicenter verantwortliche Unternehmen zieht sich aus der Affäre, indem es die Zustände konsequent ignoriert. Vor gut vier Jahren hatte Dakota Investments das Unicenter gekauft und fährt seitdem eine Unternehmenspolitik, die den AnwohnerInnen die Zornesröte ins Gesicht treibt. „Wir haben Fragebögen auf Deutsch, Russisch und Türkisch an alle Mieter verteilt, um Mängel in den Häusern und Wohnungen aufzunehmen“, sagt Aichard Hoffmann vom Mieterverein Bochum, der sich seit zwei Jahren im Rahmen einer Mieterinitiative für eine Änderung in Querenburg einsetzt. Auch für ihn ist der Investor nicht erreichbar. „Wir haben ein Musterschreiben an die Mieter ausgegeben, das zunächst für die Dokumentation der äußeren Mängel vorgesehen war, um zumindest eine zehnprozentige Mietminderung zu erreichen. Dieses haben leider nur wenige abgeschickt. Wir hatten gehofft, dass der Eigentümer so irgendwann mehr Verlust als Gewinn machen würde und sich endlich etwas ändert. Aufgrund der geringen Beteiligung ist unser Vorhaben aber leider gescheitert“, so Hoffmann.

Studie zu Privatisierungsfolgen

Noch immer hat sich an der Profit-Politik des luxemburgischen Investors nichts geändert. Sogar Stadtbaurat Ernst Kratzsch gab sich den AnwohnerInnen gegenüber hilflos. Investor und Gebäudemanagement seien auch für ihn kaum zu erreichen: „Wir haben von denen zwar eine Telefonnummer in Berlin, aber da erreichen wir niemanden“, sagte Eiskirch im Februar. Der Mieterverein hat indes eine Studie über Privatisierungsfolgen an den Start gebracht. Eine der acht untersuchten Bochumer Siedlungen war auch das Unicenter in Querenburg. Die knapp 50-seitige Studie dokumentiert die Probleme, mit denen die MieterInnen zu kämpfen haben. Sie kann auf der Homepage des Mietervereins heruntergeladen werden. „Die Hausverwaltung Comer ist willig, aber die Mittel fehlen. Sie darf kein Geld ausgeben“, so Hoffmann.

Konzertierte Aktion lässt noch auf sich warten

Auf einer von Axel Schäfer (SPD) im Februar dieses Jahres initiierten BürgerInnenversammlung hatte der Bochumer Bundestagsabgeordnete angekündigt, zusammen mit dem Landtagsabgeordneten Thomas Eiskirch eine „konzertierte Aktion“ zu starten. Der Vorschlag erntete stürmischen Beifall der anwesenden BürgerInnen, wurde aber bisher nicht umgesetzt. Schäfer vertröstet auf einen späteren Zeitpunkt und erklärt dazu: „Da drei Partner daran beteiligt sind, können wir nur eins nach dem anderen machen. Wir warten darauf, dass der neue Ankermieter zum 1. Januar ins Unicenter einzieht.“ Ein Vertrag mit der Rewe-Gruppe Dortmund liege bereits vor, sagte Schäfer. Heinz-Martin Dirks von der Abteilung für Wirtschaftsförderung der Stadt Bochum war bis Redaktionsschluss nicht zu sprechen. Er ist derzeit wohl der einzige, der bezüglich der Frage nach einem neuen Investor Klarheit schaffen könnte.