EZLN: Kampf um Chiapas

foto4-1Am 1. Januar ist es wieder soweit. An diesem Datum jährt sich zum achtzehnten Mal der Beginn des indigenen Aufstandes der „Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung“ (EZLN) im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Als das Nordamerikanische Freihandelsabkommen, kurz NAFTA, 1994 in Kraft trat, besetzten maskierte GuerillerAs zahlreiche Bezirkshauptstädte in dem bettelarmen Bundesstaat.

 

 

Was als nationaler Protest gegen die wirtschaftliche Ausbeutung Mexikos durch Kanada und die USA entlang neoliberaler Mechanismen begann, erfuhr schnell auch in den Metropolen der westlichen Welt eine breite Unterstützung. In Ermangelung revolutionärer Perspektiven im eigenen Land feierte die internationalistische Linke die aufständischen Bäuerinnen und Bauern um den ehemaligen Philosophie-Dozenten „Subcomandante Marcos“. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der damit einhergehenden Demoralisierung im kommunistischen Lager bröckelten den IdeologInnen die Vorbilder weg.

 

Che Guevara-Kitsch und Revolutionseuphorie

Auf die heroisch anmutende maskierte Jungle-Miliz konnte die Che-Guevara-verehrende Großstadt-Linke ihre Revolutionshoffnungen projezieren. Obwohl Teile der zapatistischen Theoriebildung sich bewusst transnational geben, führte eine zu simple Rezeption kapitalistischer Strukturen mancherorts zu problematischen Bezügen, bis hin zur Verklärung der Zapatistas zu einer Bewegung, die vor allem für eine nationale Befreiung kämpft. Die zapatistische Rhetorik, die zuweilen auf EinzelakteureInnen statt auf Systemzusammenhänge verweist, bot Anknüpfungspunkte für die westlich-orthodoxe Linke. Der stramme Antiamerikanismus war (und ist) außerdem ein verbindendes ideologisches Element. Die Euphorie der Revolte sorgte zudem dafür, dass auch in emanzipatorisch-linken Kreisen „die Chiapas-Soli-Bewegten oftmals den Blick für eine kritische Auseinandersetzung mit (…) den eigentlichen Forderungen dieser ‚Guerilla zum Anfassen‘“ verlören, schreibt etwa die Politikwissenschaftlerin Sina Arnold von der Humboldt-Universität Berlin. Sie hat einige Zeit mit den Indigenen im Dschungel in Chiapas gelebt.

Emanzipatorische Ansätze

Arnold konstatierte allerdings auch, wie sehr sich diese „Guerilla neuen Typs“ von anderen „Befreiungsbewegungen“ mit den Jahren immer stärker unterschieden hat. „Ich scheiße auf alle revolutionären Avantgarden dieses Planeten“, wird Subcomandante Marcos aus einem Brief an die spanische ETA zitiert. Und tatsächlich: Die Aufständischen beziehen sich „eben nicht auf ein abstraktes Selbstbestimmungsrecht der Völker“, so Arnold weiter. Vielmehr schafften sie es, strukturell homophobe, rassistische und sonstige Diskriminierungen offenzulegen, ohne sich selbst als moralisch überlegen zu produzieren. Und auch Marcos betont immer wieder, dass ihm seine faktische Führungsposition zuwider sei. Es gehe nicht darum, sich irgendeine staatliche Macht zu erkämpfen. Es gehe um einen sozialen Umbau der Gesellschaft, ohne die Ersetzung der einen Hierarchie durch eine andere.

Solidarität und Kritik von links

Diese Ablehnung des Klassenkampfes in seiner traditionell marxistischen Form hat in der Folge zu einem Zerwürfnis mit Teilen der westlichen TraditionskommunistInnen geführt. „Sie kritisieren, dass die EZLN nicht nach einer Machtübernahme oder einer Diktatur des Proletariats strebt“, beschreibt der Soziologe und EZLN-Soli-Aktivist Luz Kerkeling die Situation. Aber auch: „Einige wenige Autoren (…) vertreten die Meinung, die EZLN sei nationalistisch und bediene sich (…) einer verkürzten Kapitalismuskritik“. Dem entgegnet Sina Arnold, dass „manche Aspekte der zapatistischen Ideologie“ faktisch „mit emanzipatorischen Forderungen nicht kompatibel“ seien. Neben der nationalistischen Ausrichtung (neben der Flagge der EZLN weht ab und an auch die mexikanische Flagge in den indigenen Dörfern), weist sie auf die „strukturell antisemitische und falsche Kritik am Kapitalverhältnis“ hin. Hier muss abgewägt werden. Man sollte zunächst beachten, dass die Basis der Guerilla aus tendenziell ungebildeten, mangels entsprechender Infrastruktur teils von jeglichen (unabhängigen) Medien isolierten LandwirtInnen im Dschungel besteht. Und gerade hier hat die zapatistische Bewegung zum Beispiel durch den Aufbau eigener, durch Basisgruppen betriebene Radiosender im Rahmen ihrer Möglichkeiten Informationsdefizite abgebaut. Bezogen auf die antiamerikanischen Ressentiments (welche sich teils auch als Rezeption west-linker Kapitalismusanalysen etablierten) kommt hinzu, „dass in Mexiko die US-amerikanische Politik tatsächlich spürbare Auswirkungen hat“ (Arnold). Dies sei insofern wichtig, als dass aus dieser Position heraus die GegnerInnenschaft zu den USA mehr Berechtigung genieße, „als wenn Deutsche sich ressentimentgeladen wieder einmal als Opfer der ‚Amis‘ inszenieren“.

Breite Unterstützung

Insofern ist eine solidarische Kritik an Vorgehensweise und Inhalten der zapatistischen Ideologie notwendig. Auch darf nicht ausgeblendet werden, dass die KleinbäuerInnen auf die Solidarität von außerhalb angewiesen sind. Zu ihrem ersten „intergalaktischen Treffen gegen Neoliberalismus und für Menschlichkeit“ im Jahre 1996 kamen dann auch an die 3.000 Menschen aus 54 Nationen. Es gibt eine unzählbare Menge von Solidaritätsgruppen weltweit, welche die Zahl von 2.000 locker überschreiten dürfte. Dass es hier keinen Konsens, sondern viele verschiedene Deutungsmuster gibt, liegt auf der Hand. Auch sollte man innerzapatistische Differenzen nicht außer Acht lassen. „Die zapatistische Bewegung bewegt sich im Spannungsfeld zwischen radikalreformerischen und revolutionären Kräften“, resümiert etwa Kerkeling.

„Fragend schreiten wir voran“

Der Kampf um Selbstbestimmung in Chiapas geht indes weiter. Der harte Kern der Guerilla umfasst heute circa 3.000 Personen, ein Drittel etwa ist weiblich. Bis heute wird die Bewegung weiterhin von rechten Paramilitärs brutal bekämpft, welchen Verbindungen ins Regierungslager nachgesagt werden. Von der Ablehnung politischer Partizipation in Form von Parteien sind die GuerillerAs bis heute nicht abgerückt. Dennoch wurden in Chiapas beachtliche autonome Verwaltungsstrukturen installiert: 2003 wurden zum Beispiel fünf regionale Verwaltungszentren gegründet, welche sich als basisdemokratisch verstehen. Durch sie werden, unabhängig von staatlichen Strukturen, eigene Wirtschafts- und Bildungssysteme vorangebracht. Außerdem kümmern sich diese „Juntas der guten Regierung“, wie die rotierenden „Regierungs“-VertreterInnen heißen, um den Ausbau der Infrastruktur – und das alles unter der Parole: „Fragend schreiten wir voran“.

Zum Kampf der Zapatistas, Vortrag im Rahmen des Politischen Dienstags (PolDi) an der RUB:
Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen – Soziale und politische Bewegungen in Mexiko.
Referent: Valentin Franck, Menschenrechtsbeobachter in Mexiko und Guatemala.
Dienstag 22. November
18.30 Uhr im Kulturcafé.