Die roten Punkte kommen wieder


1-1-web-Sozialticket-by-Sozialticketinfo Wer rechnen konnte, hat es vorher gewusst: Die zu Beginn des Montas eingeführte 30-Euro-Monatsfahrkarte für Arbeitslose ist ein Flop. Kaum jemand, der bisher kein Abo für Bus und Bahn hatte, greift zu, denn die Fahrkarte ist für die Berechtigten zu teuer. Die Sozialticket-Inititiativen aus dem Ruhrgebiet kämpfen weiter für ein Angebot, das sich die Betroffenen leisten können. Und sie erhöhen den Druck: Im Ruhrgebiet sollen zehntausende rote Buttons verteilt werden – als Zeichen gegen soziale Ausgrenzung, und mit einem ganz praktischen Nutzen.

Eigentlich ist die Idee ganz einfach: Wenn die Verantwortlichen in Politik und beim Verkehrsverbund sich weigern, eine sozial gerechte Regelung einzuführen, müssen die Initiativen selbst aktiv werden. Wer sich zukünftig den roten Button an die Jacke steckt, signalisiert damit gleich zwei Dinge. Erstens: Ich besitze ein VRR-Monatsticket und bin bereit, nach 19 Uhr und an Wochenenden jemanden ohne Fahrschein kostenlos mitzunehmen. Und zweitens: Ich unterstütze die Forderung nach einem Sozialticket, das für die Berechtigten höchstens 15 Euro kostet.

Großes Vorbild

Die Gewerkschaften und Sozialverbände, die die Aktion unterstützen, setzen mit dem roten Punkt auf ein geschichtsträchtiges Symbol. Bereits in den Jahren 1968 bis 1971 gab es in zahlreichen deutschen Städten Rote-Punkt-Aktionen, um sich gegen Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr zu wehren. Um den Protest wirksam zu machen, behinderten damals Demonstrationen, Blockaden und Sabotageakte den Bus- und Bahnverkehr. Gleichzeitig klebten die TeilnehmerInnen den roten Punkt auf ihre Autos und andere private Verkehrsmittel. Der Punkt signalisierte, dass sie bereit waren, andere mitzunehmen. Auch in Bochum und anderen Ruhrgebietsstädten entstanden so selbstorganisierte „Autobahnhöfe“, die mit teils großem personellen Aufwand betrieben wurden. Es kam außerdem immer wieder zu organisierten Schwarzfahr-Aktionen.
Einen ihrer größten Erfolge erzielte die Rote-Punkt-Kampagne 1969 in Hannover: Dort verhinderten zunächst Massendemonstrantionen gegen die Fahrpreiserhöhung tagelang, dass Straßenbahnen fahren konnten. Polizeihundertschaften scheiterten daran, Schienen-Sitzblockaden mit zum Teil tausenden TeilnehmerInnen zu räumen. Als sich immer weitere Teile der Bevölkerung dem Protest anschlossen, gab der Rat der Stadt nach: Er führte einen drastisch reduzierten ÖPNV-Einheitspreis von 50 Pfennig pro Fahrt ein. Außerdem entschied der Stadtrat, die zuvor privat betriebene Verkehrsgesellschaft ÜSTRA zu kommunalisieren.

Alles anders 2011?

Im Vergleich zu den Massenblockaden Ende der 1960er Jahre kommt die ruhrgebietsweite Rote-Punkt-Aktion des Jahres 2011 ausnehmend harmlos daher. Denn sie nutzt lediglich ein in den VRR-Tarifbestimmungen längst verankertes Mitnahmerecht. Anders als vor 40 Jahren hat sie nicht die Strategie, den ÖPNV so lange lahm zu legen, bis die Ziele erfüllt sind. Trotzdem, so hoffen die OrganisatorInnen, kann sie einige Strahlkraft entwickeln. Denn zumindest eines hat die aktuell geplante Aktion mit dem großen APO-Erfolg von damals gemein: Sie macht ein Angebot zu einer konkreten Form von Alltagssolidarität, und verknüpft dies mit einer realpolitischen Forderung nach bezahlbarer Mobilität. Die Buttons mit den roten Punkten sollen unter anderem an den Hochschulen im Ruhrgebiet verteilt werden.

 

Sozialticket-Fakten

Mit der Rote-Punkt-Aktion geht der Streit um das Sozialticket an Rhein und Ruhr in die nächste Runde. Seit Jahren fordern Gewerkschaften und Sozialverbände, im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr ein Sozialticket einzuführen, das den Namen verdient. Nach jahrelangen Verzögerungen gibt es seit dem 1. November ein Pilotprojekt: Die ermäßigte Monatsfahrkarte kostet 29,90 Euro, obwohl im Hartz-IV-Regelsatz nur 22,92 Euro pro Monat für Mobilität vorgesehen sind. Außerdem gilt die Fahrkarte ausschließlich in der Preisstufe A. Das Ticket ermöglicht also noch nicht einmal ohne Zusatzkosten eine Fahrt von Bochum nach Essen oder Dortmund. Gewerkschaften und Sozialverbände fordern einen Ticketpreis von 15 Euro und außerdem bessere Konditionen, um das Recht auf Mobilität auch für ärmere Menschen durchzusetzen.